Hold the Dark (2018)

Hold the Dark (2018)

Wolfsnächte
  1. 125 Minuten

Filmkritik: Der Wolf im Menschpelz

43rd Toronto International Film Festival
Er zeigt dir, wo der Bartli den Most holt.
Er zeigt dir, wo der Bartli den Most holt.

Der Autor Russell Core (Jeffrey Wright) erhält von der in Alaska lebenden Medora Slone (Riley Keough) einen Brief. Ihr Sohn ist verschwunden, und sie glaubt, dass ein Rudel Wölfe dahintersteckt. Zwei ähnliche Fälle haben sich erst gerade kürzlich in der Umgebung ereignet. Da Russell ein Buch über die Wolfsjagd geschrieben hat, soll er die Wölfe finden und zur Strecke bringen. Dies vor allem deswegen, weil Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) schon bald aus dem Krieg heimkehrt und sie nicht mit leeren Händen dastehen möchte.

Russell nimmt den Job an und reist ins tiefste Alaska, wo nicht nur die Aussentemperatur eiskalt ist, sondern es auch die Leute zu sein scheinen. Von einer Eingeborenen kriegt er sogar den Rat, er solle am besten dorthin zurückgehen, wo er hergekommen sei. Ein Ratschlag, den er besser befolgt hätte. Denn die Suche nach den Wölfen wird schnell zur gefährlichen Angelegenheit, bei welcher der Tod nie weit zu sein scheint.

Jeremy Saulniers Romanverfilmung Hold the Dark ist ein äusserst stimmungsvolles Werk mit etwas langsamem Erzähltempo, das den Zuschauer mit regelmässigen Gewaltszenen zu schockieren vermag. Wer sich darauf einlassen kann, erlebt einen unheimlichen Thriller, den man sich aufgrund der Bilder auf einem möglichst grossen Bildschirm ansehen sollte.

Es ist eine Schande: Da hat Jeremy Saulnier einen verdammt atmosphärischen Film mit prächtigen Landschaftsbildern gedreht, und der Ort, wo sich 99.9 Prozent der Zuschauer der Film ansehen wird, ist nicht das Kino, sondern die heimische Glotze oder - noch viel schlimmer - das Smartphone. Das hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass die Menschen immer weniger ins örtliche Lichtspielhaus gehen, sondern damit, dass die Vertriebsrechte bei Hold the Dark bei Netflix liegen. Der Streaming-Gigant stellt nämlich seine Filme meistens lieber gleich auf seine Plattform, anstatt sie zuerst ins Kino zu bringen. Aber genug über den aktuellen Zustand der Branche gelästert.

Die eingangs erwähnten stimmungsvollen Bilder machen viel von der Faszination von Hold the Dark aus. Es handelt sich hierbei um die Verfilmung des gleichnamigen Romans von William Giraldi, der hierzulande unter dem Titel "Wolfsnächte" veröffentlicht wurde. Saulnier schafft es wie Taylor Sheridan in Wind River, die Kälte im Film für den Zuschauer spürbar zu machen. Das macht er relativ einfach mit frierenden Menschen und dem Zeigen von Winterkleidung.

Während sich die Figuren dick einpacken müssen, ist die eigentliche Story im Gegensatz etwas dünn bemessen für die 125 Minuten. Immer wieder gibt es Passagen, in denen wenig passiert. Es gibt aber auch Sequenzen, welche regelrecht in die Länge gezogen werden. Das kann durchaus effektiv sein, wenn es der Steigerung von Spannung dient. So wie bei einer Szene, in welcher die Zuschauer warten, bis ein Kugelhagel über die Charaktere hineinbricht, der auch saumässig brutal ausfällt. Dann gibt es aber auch solche Warte-Momente, in denen man verleitet wird, auf die Uhr zu schauen. Eine knackigere Laufzeit von 90 Minuten wie bei Saulniers vorherigen Werken Blue Ruin und Green Room hätten hier den Unterhaltungswert steigern können.

Nicht nur die vorher erwähnte Schiesserei bietet ein hohes Gewaltlevel, sondern auch der Rest des Filmes geht wenig zimperlich mit den Figuren und damit auch mit den Zuschauern um. Messer, Pfeilbögen und Schusswaffen werden eingesetzt und die Kamera hält knallhart drauf. So zieht sich eine richtige Gefühlskälte durch den Film, welche durchaus abschreckend sein kann. Zum Glück hat Saulnier mit Jeffrey Wrights Russell eine Figur im Zentrum, die ein wenig Wärme ausstrahlt und mit der man immerhin mitbangen kann.

Doch auch mit Wright als Anker muss man sich auf Hold the Dark einlassen können. Wer das kann, erhält einen zeitweise recht spannenden Thriller, dessen unheimliche Ereignisse auch noch Tage später frösteln lassen - allen voran die Performance von Schönling Alexander Skarsgård. Am besten in einem abgedunkelten Raum auf einem möglichst grossen Bildschirm schauen.

/ crs

Kommentare Total: 2

yan

Blue Ruin und Green Room waren ja schon Slow Burner, jedoch mit knackiger Spielzeit von 90 Minuten immer noch äusserst kurzweilig. Dies ist bei Hold the Dark, dem neuen Film von Jeremy Saulnier etwas anders. Der Film benötigt Sitzfleisch. Die Dialoge sind rar gesät und ziemlich bedeutungsschwanger. Etliche Aussagen sind nur in Gesichtern herauszulesen.

Die Bilder sind trotz ihre Düsterheit traumhaft schön anzusehen. Allgemein kann sich die Inszenierung sehen lassen. Die Stimmung, die Saulnier heraufbeschwört, ist packend, wenn auch zwischendurch etwas irritierend. Hold the Dark wird nicht allen gefallen, dafür ist die Story zu kryptisch, philosophisch und gibt zu wenig Preis. Wer sich aber darauf einlässt, der kriegt nicht nur einen brutal spannenden Mittelteil mit einer unglaublich harten Schiesserei, sondern auch einen sehr feinen Thriller über das Menschsein bzw. das Wolfsein ;)

crs

Filmkritik: Der Wolf im Menschpelz

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