Das Höllentor von Zürich (2018)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Are you fucking kidding me?!

Zurich Film Festival 2019
MiniPic. Nagelklipser. iMac.
MiniPic. Nagelklipser. iMac.

Lara (Lara Stoll) hat ihr Leben nur bedingt im Griff. Schon lange sollte sie die Website für ihre Mutter fertigstellen und den Song für den Eurovision Song Contest hat sie noch nicht mal begonnen. Sie ernährt sich fast ausschliesslich von MiniPic und einer Mischung aus Appenzeller Alpenbitter und Red Bull. Ausserdem trägt sie in ihrer Wohnung nicht einen Laptop oder ein Tablet mit sich herum, nein, sondern einen 27-Zoll-iMac. Because why not.

"Wie lang gaht de Film no!?"
"Wie lang gaht de Film no!?"

Nach dem täglichen (?) Duschgang sieht sie erstaunlich viele ihrer Haare auf dem Boden ihrer Badewanne. Als sie diese in den Abfluss zu stopfen versucht, bleibt sie mit ihrem Zeigefinger hängen und kann sich nicht mehr befreien. Sie hat nur noch eine Flasche voll Appenzeller Red Bull und nur noch ein einziges MiniPic. Und ihren iMac vor der Badewanne. Was soll sie tun? Ihre Hilfeschreie scheint niemand zu hören. Weil in einer Badewanne no one can hear you scream, wie's so schön heisst. Darauf beginnt der Höllentrip - für Lara wie auch für die Zuschauer.

Das Filmkollektiv Bild mit Ton ist in kleinen Stücken witzig, in Langform unerträglich. So ist die erste Viertelstunde unterhaltsam, dann geht's jedoch bergab und will nicht mehr aufhören. Dazu kommt der grauenhafte Look, und wenn's mal interessant wird, ist's von 127 Hours geklaut. Das Hollentör von Zürich will provozieren und vor den Kopf stossen. Daher macht der Film das gut, was er zu machen versucht. Doch was er macht, ist einfach Müll.

Ich behaupte einmal, so ernst und pflichtbewusst hat noch niemand die Synopsis von Das Höllentor von Zürich verfasst. Nicht einmal die Filmemacher. Dieses unabhängige Filmkollektiv ist unter dem Namen Bild mit Ton bekannt. Bisher haben sie sich mit Internetvideos beschäftigt, nun steigen sie in den Langfilm ein - und wurden prompt für den Zürcher Filmpreis nominiert, vor dem Publikumserfolg Zwingli.

Nun, wie schreibt man eine Kritik über einen Film, der eh alles absichtlich und vor allem eh absichtlich alles falsch macht? Im Design lernt man früh: Wenn man's extra falsch macht, dann ist's wieder richtig.

Der Film beginnt mit einer abgewandelten Version des 20th-Century-Fox-Studio-Intros. Es steht "20 Franken Produktionsbudget" und die Melodie des Studios erklingt, jedoch nicht die gewohnte Fanfare, sondern eine Version auf der Blockflöte, eingespielt von einem Sechsjährigen, der seit zwei Wochen von den Eltern in den Flötenunti gezwungen wird. Im Hintergrund steht nicht etwa "Hollywood", nein, es steht "Nuttesohn". Da dachte ich mir - unironisch! -, das fängt ja gut an. Die ersten fünfzehn Minuten sind tatsächlich lustig.

Doch dann geht's noch weit über eine Stunde. Zu Beginn fragte ich mich, wie das wohl enden wird. Nach einer gewissen Zeit dann, wann das wohl enden wird. Und zu guter Letzt nur noch, ob das enden wird. Denn sobald wir in der Badewanne festsitzen, wird's - abgesehen von den gelegentlichen Slam-Poetry-Einlagen von Lara Stoll - anstrengend.

Der visuelle Stil dieses Films ist frisch aus einem Windows-Movie-Maker-Kurs einer vierten Primarklasse im Jahr 2001, als Digitalkameras noch nicht in jedem Hosensack zu finden waren. Das Bild ist übersättigt, überladen mit Glitches und Bildfehlern und vieles ist epilepsiegefährend hektisch geschnitten. Ein Stil ist das zwar, aber ein guter? Einige einfallsreiche Einstellungen gibt's durchaus zu sehen. Aber jetzt kommt der Twist: Alles nur geklaut.

Das Höllentor von Zürich ist ein zugegeben ziemlich präzises Shot-for-Shot-Remake von Danny Boyles 127 Hours. Im Abspann wird dies beinahe prahlend zelebriert. Im ersten Moment clever, bei weiterem Nachdenken kommt dann aber umso mehr die Frage: Warum? Ich frage mich, für wen sind diese Filme, ausser für die Filmemachenden? Wer 127 Hours nicht gesehen hat, verpasst den Aufhänger komplett.

Sonst gibt der Film an sich nämlich nichts her. Die witzigen Szenen beschränken sich auf wenige Minuten. Und genau da kommt das Problem: Bild mit Ton sind in kleinen Dosen witzig. Den Spruch "Orangesaft isch gar nöd orange, sondern gäl" aus einer ihrer Kurosawa-Synchros würde ich mir sogar tätowieren lassen. Aber in einer solchen Form ist es unerträglich. Und das wissen die Filmemacher selbstverständlich. Wer also Lust hat, sich anderthalb Stunden lang trollen zu lassen: Greif zu, den Film gibt's nämlich kostenlos auf Vimeo. Sonst kriegt der Film von mir ein verglitchtes, übersättigtes, haariges, Appenzeller mit Red Bull übergossen klebriges Nope!

/ nna

Kommentare Total: 2

yab

An den Solothurner Filmtagen gesehen (zum Glück in der Library und nicht in einem Screening), über 90 Minuten kaum auszuhalten.

nna

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Trailer Schweizerdeutsch, 02:01