The Hate U Give (2018)

The Hate U Give (2018)

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Filmkritik: Von Bullen und Benehmen statt Bienen und Blumen

43rd Toronto International Film Festival

Starr Carter (Amandla Stenberg) stammt aus einem afroamerikanischen Problemviertel, besucht aber mit ihrem Bruder eine weisse Privatschule. Nach einer Party wird sie von ihrem Kindheitsfreund Khalil (Aglee Smith) nach Hause gefahren. Auf dem Weg werden sie von einem Polizisten angehalten. Starr gehorcht, während Khalil sich den Befehlen widersetzt. Nach einer falschen Bewegung feuert der Polizist einen tödlichen Schuss auf Khalil ab.

Danach beginnt Starr an ihrer Identität zu zweifeln. In der Schule soll sie weniger "Hood" sein, Zuhause weniger weiss. Dann wird die Familie auch noch von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und als wäre das nicht genug, wird der Polizist für seine Taten nicht zur Rechenschaft gezogen. Nun muss sich Starr zwischen Aufstand und Abstand entscheiden.

The Hate U Give grenzt stellenweise ans Manipulative, erzählt die Geschichte von Starr Carter und ihrem Clinch ihrer beiden Identitäten aber intensiv und mit dem nötigen Gefühl. Niemals einseitig beleuchtet der Film die Problematik vielschichtig und mit tollen, verständlichen Charakteren. Allerdings ist er etwas zu lang geraten und lässt einige Nebenhandlungen ins Leere laufen.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Angie Thomas behandelt ein brandaktuelles Thema. Die Polizeigewalt an Afroamerikanern beschäftigt die US-Bevölkerung seit Jahrzehnten, viel geändert hat sich aber nicht. Die fiktive Geschichte von Starr Carter könnte gerade so gut real sein, und nicht nur deshalb geht der Film nahe. Er beginnt mit dem "Talk", den die Eltern ihren Kindern geben. Und nein, nicht der mit Bienchen und Blümchen, sondern den mit Bullen und Benehmen. Sofort weiss man, welche Art Geschichte das wird. Danach entfaltet sich ein vielschichtiges Drama, das aus verschiedenen Gründen funktioniert.

Mitunter die Hauptgründe sind die stark geschriebenen Figuren und der toll aufspielende Cast. Amandla Stenberg hat keine einfache Aufgabe gefasst, doch den inneren Konflikt ihrer Figur porträtiert sie glaubwürdig und mit dem nötigen Feingefühl. Ausserdem stimmt die Chemie mit ihren Szenenpartnern. Weiter sticht Russell Hornsby als Mav heraus, Starrs Vater. Seinen Willen, das Richtige zu tun und nicht in die alten Muster zurückzufallen, spielt er fantastisch. Vor allem die Familie Carter wächst einem bald ans Herz. Damit wird stellenweise aber ziemlich manipulativ umgegangen. Wenn in einer Szene selbst der kleinste Bruder weinend eine Knarre auf den bösen Onkel richtet, und das alles im Gegenlicht eines brennenden Gebäudes, dürfte das dann doch zu viel des Guten sein.

Apropos böser Onkel: Anthonie Mackie spielt diesen, genannt King, gut. Er wirkt bedrohlich und erfüllt seinen Zweck. Jedoch ist seine Geschichte nur einer von diversen halbgaren Handlungssträngen. Sowohl er als auch Starrs weisser Freund sind für die Geschichte und deren Message wichtig, doch generieren sie zu viele unnötige Storybeats und strecken den Film auf weit über zwei Stunden Laufzeit. Eine schlankere Abwicklung oder bessere Integration dieser Aspekte hätten dem Film und dessen Tempo gut getan.

Was The Hate U Give ebenfalls hoch anzurechnen ist, dass er diese hochemotionale Geschichte nicht einseitig darstellt und gewillt ist, die damit verbundene Debatte zu führen. Er macht aufmerksam auf die Probleme in den mehrheitlich afroamerikanischen Communitys. Ausserdem stellt er die Polizei nicht als das ultimative Böse dar, sondern gibt ihnen mit Commons Figur Carlos, einem dunkelhäutigen Cop, eine Stimme. Dieser hat mitunter eine der stärksten Szenen mit Starr, als er ihr erklärt, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt - wörtlich und sprichtwörtlich.

/ nna