Gringo (2018/II)

Gringo (2018/II)

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  3. 111 Minuten

Filmkritik: Dä Oyelowo chunt uf e Gring-o

"It's business time."
"It's business time." © Impuls Pictures AG

Harold Soyinka (David Oyelowo) läuft es gerade nicht wirklich: Er ist pleite, weil seine Frau Bonnie (Thandie Newton) sein Geld zum Fenster rausschmeisst, und von seinen Bossen Richard (Joel Edgerton) und Elaine (Charlize Theron) wird er nicht wirklich ernstgenommen. Während eines Business-Trips in Mexiko merkt er, dass er nichts mehr zu verlieren hat und beschliesst seine eigene Entführung zu inszenieren und dafür ein hohes Lösegeld von seiner Firma zu verlangen.

Wenn aus der inszenierten Entführung eine echte wird.
Wenn aus der inszenierten Entführung eine echte wird. © Impuls Pictures AG

Doch Harold hat da die Rechnung ohne seine schmierigen Bosse gemacht, welche vor einer Weile die Lösegeldklausel aus der Mitarbeiterversicherung gestrichen haben. Es kommt sogar noch schlimmer, denn aus irgendeinem Grund wurde die Jagd auf Harold eröffnet. Verschiedene Organisationen versuchen Harold zu schnappen und für ihre Dienste und Pläne zu nutzen. Wie kommt der nette und zuvorkommende Harold nur wieder aus dieser misslichen Lage heraus?

Der Action-Komödie Gringo fehlt es zu Beginn wegen der Einführung von unzähligen Figuren etwas an Erzähltempo. Doch sind mal alle Charaktere etabliert, startet ein äusserst unterhaltsamer und unvorhersehbarer Reigen, bei dem es drunter und drüber geht. Auch wegen einigen völlig überdreht agierenden Schauspielern ist das ein kleines, dreckiges Vergnügen.

Das Poster mit den vielen Figuren, die uns entweder cool, bedröppelt oder durchgeknallt anstarren, schreit regelrecht: "Hey, ich bin ein voll schräger Kultfilm, imfall". Ob etwas zum Kult wird, entscheiden jedoch immer noch die Filmfans nach dem Verstreichen einiger Zeit. Dass Gringo zu solchen Ehren kommt wird, darf ernsthaft bezweifelt werden. Aber ein glatter Streifen ist dem Australier Nash Edgerton - Bruder von Joel - auf jeden Fall gelungen.

Viele werden bei der Besprechung des Filmes wieder den Namen Tarantino in den Mund nehmen, doch erinnert Gringo mehr an die ersten Werke von Guy Ritchie. Wie in Lock, Stock and Two Smoking Barrels und Snatch führt Edgerton auch hier eine Tonne von Figuren ein, die jederzeit den Weg des bemitleidenswerten Harold kreuzen könnten. Edgerton platziert die Charaktere säuberlich und braucht dafür etwas viel Zeit, während ein Guy Ritchie dafür auch mal schnell geschnittene Montagen verwendet. So ist die erste Hälfte von Gringo zwischendurch recht holprig, da wir Zeit mit Leuten verbringen, die uns nicht gross interessieren, jedoch dann später wichtig werden.

Ist die Aufbauarbeit einmal vollbracht, wird der Film zum rasanten und vor allem unvorhersehbaren Vergnügen. Die Geschichte schlägt Haken und geht in Richtungen, die man nur schwer erahnen kann. Den grössten Spass hat man dabei, wenn man so wenig wie möglich über die Geschichte weiss. Die Schauspieler haben sichtlich Spass an diesem ganzen Treiben, allen voran Charlize Theron. Wie die südafrikanische Oscarpreisträgerin hier ein Corporate-Biest zum Besten gibt, mag vielleicht für ein paar zu viel des Guten sein, doch passt sie mit ihrer Darstellung wunderbar in die schräge und übertriebene und groteske Szenerie. Dies gilt auch für den äusserst bärtigen Sharlto Copley, dessen Figur eigentlich nur Gutes tun will, sich aber für die Erreichung seiner noblen Ziele auf die falsche Seite des Gesetzes gezwungen wird.

Man kann sagen, dass Gringo ein Film über anständige Leute in einer völlig anstandslosen Welt ist. Wer nicht untergehen will, muss ganz nach den Prinzen "ein Schwein sein". Die Welt ist in dieser Beziehung manchmal wirklich ungerecht - aber im Fall von Gringo ist sie zumindest auch herrlich witzig. Ein kleiner Geheimtipp und einer der besten Guy-Ritchie-Filme, die Guy Ritchie nie gemacht hat.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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