Girl (2018/II)

Girl (2018/II)

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  2. 105 Minuten

Filmkritik: Dancing with tears in my eyes

71e Festival de Cannes 2018
Auch ein hübscher Rücken kann entzücken.
Auch ein hübscher Rücken kann entzücken.

Die 15-jährige Lara (Victor Polster) hat den grossen Traum, Balletttänzerin zu werden. Dafür gibt sie alles und wird mit ihrem Fleiss und ihrem eisernen Willen sogar in eine der besten Ballettschulen von Belgien aufgenommen. Ihr Traum scheint zum Greifen nahe. Doch leider gibt es da noch etwas, das Lara zurückhält und das sie am liebsten so schnell wie möglich erledigt haben möchte.

Unter Mädchen
Unter Mädchen

Denn Lara wurde in den Körper eines Jungen geboren und ist mit der Unterstützung ihres Vaters (Arieh Worthalter) gerade mitten dabei, mit Hilfe von Hormonen und Operationen zum Mädchen zu werden. Obwohl ihr die Ärzte zur Geduld raten und empfehlen, sich für die bevorstehende Sexualumwandlung zu schonen, ignoriert Lara immer wieder alle Anweisungen. Sie nimmt mehr Hormone ein als nötig und klebt sich ihren noch vorhandenen Penis an ihren Körper, damit die anderen Balletttänzerinnen nicht erfahren, dass sie als Junge auf die Welt kam. Es beginnt psychisch und physisch eine harte Zeit.

Das Erstlingwerk Girl von Regisseur Lukas Dhont zeigt den beschwerlichen Weg eines Jungen, der ein Mädchen werden will. Seine Dramatik holt der Film dabei nicht durch die Ablehnung von Teilen der Gesellschaft, sondern durch den inneren Kampf seiner Hauptfigur, die das Gefühl hat, dass ihr die Zeit wegläuft. Ein intensiver und absolut sehenswerter Film, der die Zuschauer noch eine Weile begleiten wird.

Das Thema Transgender wird im Kino immer noch eher selten behandelt, doch ist das Genre gerade auf dem Vormarsch. So war The Danish Girl mit Hollywoodstars besetzt, und Sebastián Lelios Una Mujer Fantástica gewann im März 2018 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. In beiden Werken nahm dabei die ablehnende Haltung gegenüber Transgender einen grossen Teil in der Erzählung ein. Dies ist bei Lukas Dhonts Debüt Girl nun erfrischend anders. Wo sein Film angesiedelt ist, trifft man auf deutlich mehr Verständnis. Es einem regelrecht das Herz, wie in dieser Story unter anderem der Vater seinem Kind unterstützend zur Seite steht und hilft, wo er nur kann. So kann sich der Film ganz auf den inneren Kampf der Protagonistin konzentrieren. Dieser ist nicht immer leicht zu verfolgen.

Denn Teenager sind halt einfach "Stürmis" sondergleichen, woran auch die Pubertät einen grossen Anteil hat. Die Gefühlswelten von Lara sind so für die Zuschauer recht einfach verständlich. Sie hat das Gefühl, dass ihr die Zeit abläuft und ihr Traum in weite Ferne rückt. Sie leidet jedoch im Stillen. Heftige Wutausbrüche oder tränenreiche Oscarclips gibt es kaum während der 100 Minuten. Die Kamera ist immer nah dran und lässt uns auch bei intimen Szenen dabei sein. Victor Polster ist dabei sensationell und eine riesige Entdeckung. Nur eine Szene mit einem Nachbarsjungen hätte sich Dhont sparen können.

Da es im Film jedoch um das Abwarten geht, schleichen sich immer mal wieder ein paar Längen ein, und zudem wirken die Ballettszenen nach einer Weile etwas repetitiv. Doch trotzdem bleibt Girl über die gesamte Länge sehenswert, da alles auf etwas hinarbeitet, das man nicht so schnell vergessen wird. Der Kampf mit der eigenen Identität ist schmerzhaft, und Dhont macht dies in seinem Erstlingswerk auf unmissverständliche und nicht immer leicht anzusehende Art und Weise klar. Eine kleine Filmperle.

16.05.2018 / crs