Funan (2018)

Funan (2018)

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  2. 84 Minuten

Filmkritik: Saving Sovanh

16. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2018
Geteilter Schmerz
Geteilter Schmerz © Studio / Produzent

Im April 1975 nimmt die maoistisch-nationalistische Guerillabewegung der Roten Khmer Phnom Penh ein und treibt die Stadtbewohner aufs Land. Auf dem beschwerlichen Weg durch vermintes Gebiet verliert das Ehepaar Chou und Khoun den dreijährigen Sohn Sovanh und die Grossmutter. Weil ihnen verboten wird, nach dem Kleinen zu suchen, müssen sie ohne ihn weiterziehen. In den folgenden Jahren müssen sie in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen und mit nur wenig Nahrung harte landwirtschaftliche Arbeit verrichten, um die Parteianhänger zu ernähren. Doch beide geben nie die Hoffnung auf, ihren Sohn wiederzufinden.

In seinem Langfilmdebüt befasst sich der Regisseur Denis Do mit der Geschichte seiner eigenen Familie und arbeitet auf behutsame Weise die Schreckensherrschaft der Roten Khmer auf. Mithilfe kambodschanischer Animatoren wurde ein schnörkelloses und gerade in seiner Schlichtheit sehr realistisches Kambodscha der Siebzigerjahre erschaffen, das die Gräuel der Zeit eindrücklich einfängt, ohne jedoch den Fokus auf Gewaltdarstellungen zu legen. Die gezeigten Ereignisse gehen nahe, geben aber auch Hoffnung.

Von 1975 bis 1979 regierten die Roten Khmer unter Führung des Diktators Pol Pot mit eiserner Faust in Kambodscha und versuchten, das Land gewaltsam in einen Agrarkommunismus zu überführen. Schätzungen zufolge verloren dabei 1,7 bis 2 Millionen Menschen ihr Leben, weitere Hunderttausende flohen ins Exil. Für Autor und Regisseur Denis Do, der mit Funan sein Langfilmdebüt auf die Leinwand bringt, sind die damaligen Ereignisse auch stark mit der eigenen Geschichte verbunden. Denn es ist die Geschichte seiner Mutter, und der im Film gesuchte kleine Junge ist sein Bruder. Wie Do selbst sagt, war der Film für ihn eine Möglichkeit, mit der eigenen Familiengeschichte abzuschliessen, Familienangehörigen, die er nie getroffen hat, ein Gesicht zu geben und sich auch mit der eigenen generationenübergreifenden Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen; seine Grosseltern waren vor der Invasion der Japaner aus China nach Kambodscha geflohen, und seine Mutter floh vor den Roten Khmer nach Frankreich.

Für seinen Animationsfilm wählte Do ganz bewusst kambodschanische Animatoren aus, um die traumatischen Ereignisse dieser Zeit filmisch einzufangen, da es letztlich auch ihre Geschichte ist, die hier erzählt wird. Die kambodschanische Landschaft - denn bis auf den Anfang spielt sich die gesamte Filmhandlung in ländlichem Gebiet ab - wurde dafür in einem präzisen, aber schnörkellosen Animationsstil umgesetzt. Auf actionreiche Sequenzen oder gar explizite Gewaltdarstellungen wurde hingegen fast völlig verzichtet. Vielmehr setzt der Film konsequent darauf, die Grausamkeiten abseits des (animierten) Kamerablicks zu belassen. Umso eindrücklicher inszeniert wirkt so das jahrelange Martyrium der Protagonisten.

Dass der Film über weite Strecken hin fast wie ein animierter Dokumentarfilm wirkt, ohne jedoch den Blick voll auf die Gräueltaten der Roten Khmer zu halten, ist letztlich auch der cleveren Erzählführung zu verdanken, welche immer wieder zwischen zwei Erzählebenen wechselt. Denn neben der eher klassischen Handlungsebene um die junge Mutter Chou, die sich um fehlende Nahrungsmittel, Übergriffe und harte Arbeitseinsätze zu sorgen hat, wird an entscheidender Stelle auch immer wieder gezielt zum kleinen Sovanh geschnitten, aus dessen - übrigens völlig ohne Dialoge auskommenden - Perspektive die kleinen Freuden und grossen Leiden der unzähligen entwurzelten Kinder eingefangen werden.

Wie so viele Filme um Kriegsgeschehen, ist auch Funan kein leicht verdauliches Werk, vermag aber gerade durch die persönliche Komponente durchwegs zu überzeugen. Die politischen Ereignisse der damaligen Zeit fallen dabei auch überhaupt nicht ins Gewicht. Wohl auch deshalb weiss der Film die Zuschauer stets zu packen, da historisches Vorwissen überhaupt nicht nötig ist.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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