Entebbe (2018)

Entebbe (2018)

7 Tage in Entebbe
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  3. 107 Minuten

Filmkritik: Böse ist böse

68. Internationale Filmfestspiele Berlin 2018
Welcome to Entebbe
Welcome to Entebbe © Impuls Pictures AG

Im Sommer 1976 wird ein Flugzeug der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris entführt. Zwei der Entführer sind palästinensische Mitglieder der radikalen Volksfront für die Befreiung Palästinas, die beiden anderen - Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) - sind deutsche Linksradikale. Sie leiten den Flug nach Entebbe in Uganda um. Dort empfängt Diktator Idi Amin Dada (Nonso Anozie) die Entführer mit offenen Armen. In einem leeren Terminal halten diese die Geiseln gefangen und fordern die Freilassung aller pro-palästinensischen Militanten, die sich in israelischer Haft befinden.

Verhandeln?
Verhandeln? © Impuls Pictures AG

Der israelische Verteidigungsminister Shimon Peres (Eddie Marsan) plädiert darauf, nicht mit den Terroristen zu verhandeln. Doch Premierminister Jitzchak Rabin (Lior Ashkenazi) befürchtet, dass die Geiseln zu Schaden kommen könnten. Als die Chancen auf eine diplomatische Lösung schwinden, plant die Regierung eine geheime Operation, um die Gefangenen zu befreien, bevor es zu spät ist.

Der Entführungsthriller 7 Days in Entebbe weiss mit einigen künstlerischen Kniffen zu überzeugen. Leider fährt der Film schnell die Treibwerke ein und verliert an Tempo. Zwar bemüht er sich um eine neutrale Haltung allen Parteien gegenüber, anstatt aber tiefer in die Psychologie der Figuren einzutauchen, wiederholt das Skript seine eigenen Muster und kaut den Zuschauern Sätze vor, die sie erst wenige Minuten zuvor gehört haben.

Zu Beginn von 7 Days in Entebbe überrascht José Padilha (Elite Squad - Tropa de Elite, Narcos) die Zuschauer mit einer ungewöhnlichen Darbietung. Er eröffnet den Film mit dem "Chair dance" des israelischen Choreographen Ohad Naharin. Visuell wie auch inhaltlich stechen diese enigmatischen Tanzszenen heraus. Sie sollen symbolisch für die jüdische Zuwanderung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und den daraus resultierenden Konflikten stehen.

Danach steigt der Film rasant in die Story ein. Das Flugzeug wird innerhalb weniger Minuten entführt und die Haupthandlung losgetreten. José Padilha und Kameramann Lula Carvalho beweisen ihr Geschick für eine wacklige und unmittelbare Kameraführung, die die Zuschauer direkt ins Geschehen zieht. Die Farbgestaltung ist, ganz im Stile der frühen Siebziger, in warmen Braun- und Orangetönen gehalten. Die Handlungsorte werden in grossen roten Blockbuchstaben eingeblendet.

Leider verliert der Film im Laufe seiner Spielzeit an Fahrt. Das liegt daran, dass 7 Days in Entebbe nicht so tief in die Backstorys seiner Hauptfiguren eintaucht, wie er könnte. Padilha bemüht sich, allen Seiten gerecht zu werden. 7 Days in Entebbe wertet keine seiner Hauptfiguren. Sie alle sehen sich auf der richtigen Seite - die Entführer, die Politiker, die Soldaten. Eine Art Figurenentwicklung zeigt sich allein bei Böse, dem die Situation zunehmend über den Kopf wächst. Als die beiden palästinensischen Entführer beginnen, die israelischen Geiseln auszusondern und damit drohen, die Kinder zuerst zu erschiessen, kann Böse dies nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Er sieht sich als Gerechtigkeitskämpfer für die Palästinenser, er will gegen alte Systeme aufbegehren - und ganz sicher nicht als Faschist und Nazi dastehen. Diese Angst äussert er in einer Dauerschleife, bis man sich wünscht, er würde bald etwas Neues erzählen. Brigitte schluckt währenddessen reihenweise Tabletten, um nicht die Nerven zu verlieren.

Dass Rosamund Pike in der Rolle der Deutschen Brigitte Kuhlmann besetzt wurde, ist sehr wahrscheinlich Marketinggründen geschuldet und nicht ihren Deutschkenntnissen. Da Padilha darauf bestand, alle Dialoge zwischen Böse und Kuhlmann auf Deutsch zu drehen, darf Pike Wörter wie "Scheisse" fluchen und deutsche Halbsätze nuscheln. Zwar bemüht sich die Britin um eine saubere Aussprache, ihr leichter Akzent stört dennoch. Die Sprachbarriere scheint sie zudem in ihrem Spiel zurückzuhalten. Der grosse Besetzungscoup geht somit nach hinten los.

Für einige Schmunzler sorgt dafür Nonso Anozie in der Nebenrolle des ugandischen Diktatoren Idi Amin Dada. Der begrüsst die Entführer mit offenen Armen und hält vor den Geiseln eine überschwängliche Begrüssungsrede, als handelte es sich um ein Staatsbankett. Allerdings ist Anozie nur in einer Handvoll von Szenen zu sehen. Stattdessen hängen die Zuschauer mit den ausgebrannten Entführen, den erschöpften Geiseln oder den verhandelnden Politikern fest. Fast ist man erleichtert, als die Blockschrift "Tag 7" ankündigt und damit das Ende des Films einläutet.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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