Doubles vies (2018)

Doubles vies (2018)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: Verlegener Verleger

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018
"Merkt man, dass ich gerne woanders wär?"
"Merkt man, dass ich gerne woanders wär?" © Agora Films

Buchverleger Alain (Guillaume Canet) hat die letzten paar Romane von Schriftsteller Léonard (Vincent Macaigne) publiziert. Doch nachdem sein letztes Buch nicht der grosse Renner war, beschliesst er, das aktuelle Manuskript Léonards nicht herauszugeben. Gleichzeitig sieht sich Alain der Herausforderundg der Digiitalisierung des Buchmarktes gegenübergestellt und engagiert die junge Laure (Christa Théret), die dem Verlag helfen soll, mit der Zeit zu gehen.

Brioche mit Binoche?
Brioche mit Binoche? © Agora Films

Nicht nur beruflich, sondern auch privat stehen die beiden Männer in der Krise. Léonard hat eine Affäre, welche er in seinem Manuskript so offensichtlich dokumentiert, dass seine Frau (Nora Hamzawi) ihm bestimmt auf die Schliche kommt, und auch Alain ist in seiner Ehe mit Seriendarstellerin Selena (Juliette Binoche) etwas von Langeweile geplagt. Höchste Zeit also für Léonard und Alain, ihre Leben in den Griff zu kriegen.

Doubles vies ist fraglos kurzweilig, witzig und unterhaltsam, fällt aber zu sehr in die gängigen Klischees der französischen Komödie zurück und versucht diese mit philosophischen Dialogen à la Linklater und Anbiederung ans Arthousepublikum zu verknüpfen. Dieser Balanceakt schwappt zu oft auf die eine oder andere Seite hinüber, und der Film wirkt trotz seiner Diskussion um neue Technologien altmodisch und regressiv in seiner Darstellung der Beziehungsdynamiken und Frauenfiguren. Nächstes Mal soll sich Assayas doch bitte für eine Art der Komödie entscheiden. Denn obwohl er eigentlich beide gut im Griff hat, stört ihre Kombination.

Die französische Komödie ist schon beinahe ihr eigenes, sehr beliebtes Genre. Dass sich Ausnahmeregisseur Olivier Assayas diesem widmet, verblüfft zurecht. Mit seinen letzten beiden Werken The Clouds of Sils Maria und Personal Shopper hat er sich als Spezialist für symbolträchtige, gemächlich erzählte Dramen etabliert, die er immer wieder mit Meta-Elementen und Seitenhiebe auf die Filmindustrie garniert hat. Letzteres konnte er sich bei Doubles vies wieder nicht verkneifen, doch langsam ist die zwischendurch gar seichte Komödie ganz und gar nicht.

Ein Grossteil des Filmes besteht aus toll geschriebenen Dialogen, in denen eine Gruppe Menschen über die Lesegewohnheiten der neuen Generation, Politik und Film und Literatur diskutieren. Diese Sequenzen erinnern an Mumblecore, also das vor allem auf Improvisation und Realismus aufgebaute Genre, und sind faszinierend anzuhören. Der grobkörnige Look des Filmes passt da auch gut dazu. Manchmal gehen die Referenzen etwas zu weit, und der Film driftet in eine Selbstverliebtheit ab, die ihm nicht steht.

Im starken Kontrast dazu steht dann die uralte Midlife-Crises-Geschichte. Diese treibt den unsicheren Mann in die Arme einer attraktiven Frau, die von der Kamera mit dem nun umstritten "Male gaze" und viel Nackedei eingefangen wird. Sie soll etwas "Pep" in sein Leben bringen, während die Frau zu Hause das Ganze eigentlich noch ganz in Ordnung findet. Der solide Cast bringt wenig Neues zu den grob gezeichneten Figuren, und nur Nora Hamzawi kann herausragen. Umso ärgerlicher, wo ihre Rolle endet. Man kann dieses Element als locker-flockige Komödie abtun, doch im Kontrast zum intellektuellen Anspruch des Filmes fällt dies schwer.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:35