Dachra (2018)

Dachra (2018)

  1. 114 Minuten

Filmkritik: It's witchcraft

17. Zurich Film Festival 2021
«Schneewittchen, bist du es?»
«Schneewittchen, bist du es?» © Hatem Nachi

Die Journalismus-StudentInnen Yasmine (Yassmine Dimassi), Walid (Aziz Jebali) und Bilel (Bilel Slatnia) erhalten den Auftrag zu einer investigativen Recherche-Arbeit, in deren Rahmen sie einen Beitrag drehen sollen. Ihr Professor erwähnt explizit, dass sie sich thematisch nicht mit der tunesischen Revolution befassen sollen, da sich die letztjährigen Projekte alle ebenjener Thematik annahmen. Die drei machen sich auf die Suche nach einem passenden Projekt und stossen auf die Sage der Hexe Mongia (Hela Ayed).

Die Frau, welche vor 20 Jahren nackt und verstümmelt auf einer Landstrasse gefunden wurde, lebt seither in einer psychiatrischen Klinik. Sie fahren in die Klinik, um ein Interview mit dem Direktor und später der Frau selbst aufzuzeichnen. Der Direktor erweist sich dabei als wenig hilfreich, Bilels Kontakte und eine kleine Bestechung reichen jedoch aus, um Mongia selbst interviewen zu können. Diese gibt ihnen bis auf einen Standort auf der Landkarte keine Hinweise. Das Trio macht sich auf den Weg an besagte Stelle und findet sich bald in einem kleinen, weit abgelegenen Dorf im Wald wieder, deren BewohnerInnen sich äusserst seltsam zu verhalten scheinen.

In dem stelllenweise atmosphärisch dichten Horrorfilm aus Tunesien steht eine Hexengeschichte im Zentrum des Geschehens. Leider nimmt sich Dachra zu wenig Zeit, um die Story zu entwickeln und schlussendlich aufzulösen, womit der Film mit zunehmender Laufzeit zerfällt. Den Charakteren kann nur bedingt mit Empathie begegnet werden, weswegen ihr Schicksal am Ende doch recht kalt lässt.

Dachra von Abdelhamid Bouchnak gilt als erster tunesischer Horrorfilm und stellt somit einen Meilenstein in der tunesischen Filmlandschaft dar. Der Horrorfilm war den Kinokassen im Ursprungsland äusserst erfolgreich, avancierte regelrecht zum Kassenschlager. Er nimmt sich dann auch einer klassischen Horror-Thematik an: der Hexerei. Dabei erinnert er an den Klassiker The Blair Witch Project, der dem Found-Footage, dem absichtlich dokumentarischen Erzählstil in (hauptsächlich Horror-) Spielfilmen, zum Durchbruch verhalf.

Der Film spielt etwas mit genau diesen Gegebenheiten, schliesslich sollen die Filmstudentinnen und -studenten eine investigative Arbeit drehen, womit wir zurück beim Found-Footage wären. Der tunesische Schocker verplempert nicht viel Zeit damit, die Figuren vorzustellen, dies geschieht im Verlauf des Filmes, sondern legt den Fokus schnell auf das Filmprojekt. Verständlich, denn zu viele Informationen zu Beginn würden den unerwarteten Plottwist möglicherweise zu früh enttarnen.

Dieser Twist wird dann jedoch zu wenig sauber aufgelöst und hinterlässt Fragen, wie auch weitere Story-Parts. Denn sobald die drei einen ersten Kontakt zu Mongia hergestellt, dadurch einen Anhaltspunkt für ihre Suche erhalten haben und im Wald landen, schreien tausende Argumente laut und deutlich: «Kehrt um!». Nur die Protagonistinnen und Protagonisten treffen eine haarsträubende Fehlentscheidung nach der nächsten, was dem Film die Glaubwürdigkeit total nimmt.

Die wenigen Jumpscares funktionieren nicht schlecht, was der gelungenen Atmosphäre, beispielsweise in der Bibliothek, geschuldet ist. Diese phasenweise doch wirklich gruselige Atmosphäre entsteht durch einen wunderbaren Oldschool-Horror-Score, der sehr zu gefallen weiss.

Der raue, dialoglastige Umgangston der Protagonistinnen und Protagonisten untereinander ermüdet mit der Zeit, sodass sie an Sympathie verlieren und einem beim Zusehen immer gleichgültiger werden. Dachra verfolgt dabei gute Ansätze, scheitert jedoch in deren Umsetzung. Die Ideen und erkennbaren Referenzen sind gut, erzeugen jedoch keinen durchwegs spannenden Story-Rahmen. Einige Szenen im Dorf oder wenn der Grossvater von Yasmine, ein Geistlicher, versucht, sich vor der Hexe zu schützen, sind äusserst stimmig und erzeugen eine dichte, furchterregende Atmosphäre.

Zum Ende hin wirkt der Film fragmentarisch und gehetzt, die deutlich erkennbare Gruselatmosphäre im abgelegenen Dorf - hier hängen Fleischstücke an Wäscheleinen aus - und die seltsam riechenden Mahlzeiten geben schnell Hinweise, dass es sich hier um kein gewöhnliches Dorf handeln kann, womit das Konstrukt auseinanderfällt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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