Cómprame un revolver (2018)

Cómprame un revolver (2018)

  1. ,
  2. 84 Minuten

Filmkritik: Die unglaubliche Huck

71e Festival de Cannes 2018
The Kid-Avengers
The Kid-Avengers © Studio / Produzent

Mexiko, in naher Zukunft: Die Drogenkartelle regieren über allem, die Gesellschaft ist verängstigt und lebt zurückgezogen. Frauen und Kinder wurden von den Kartellen mitgenommen, in deren Basis in Käfigen gefangengehalten und zur Prostitution gezwungen. Die Männer leben in Wohnwagen und haben es täglich mit der Angst zu tun, dass die Kartellmitglieder ihnen einen Besuch abstatten, die Drogen ab- oder ihre Kinder mitnehmen.

Bruce Banner in seiner ursprünglichen Form
Bruce Banner in seiner ursprünglichen Form © Studio / Produzent

Inmitten dieser Männerdomäne lebt Huck (Matilde Hernández Guinea), ein kleines Mädchen, mit ihren Freunden, den Meistern der Tarnung. Sie wird von ihrem drogenabhängigen Vater unter einem Baseball-Helm und einer Maske versteckt, um dem Kartell nicht zu Opfer zu fallen. Als ihr Vater mit seiner Band eingeladen wird, auf der Geburtstagsparty des Drogenbarons aufzutreten, gerät das Lügenkonstrukt ins Wanken: Notgedrungen nimmt er seine Tochter mit an die riesige Party inmitten der Wüste. Kurz darauf erscheinen Hubschrauberlichter am Himmel, Laser zielen durch die Gegend und Dutzende Kartellmitglieder und Gäste bezahlen mit dem Leben. Huck schafft es, sich zu verstecken und findet den Baron und später ihre Freunde.

Das Drama aus der mexikanischen Wüste zeigt eine zerrüttete Gesellschaft, die durch Drogenkartelle regiert und organisiert wird. Bis ein Mädchen namens Huck so richtig aufräumt und sich für die Ungerechtigkeit rächt, die der mexikanischen Bevölkerung angetan worden ist. Eine angespannte, überzeugende Atmosphäre trifft in Cómprame un revolver auf mangelnden Background, was den Filmgenuss etwas trübt. So bleiben viele Dinge ungeklärt. Dennoch ein sehenswerter Film.

Die von Julio Hernández Cordón inszenierten Settings inmitten der staubtrockenen, rot-sandigen Wüste Mexikos geben viel her und erschaffen eine gelungene Umgebung für die Geschichte. Das Feeling einer durch Kartelle beherrschten Gesellschaft seines Heimatlandes, das er vermitteln möchte, spielt mit dieser gezeigten Einöde aus Sand, Sonne und Dürre. Der Baseball-Court mit seinem saftigen Grün inmitten dieser Umgebung mutet beinahe etwas seltsam an. Ein Zeichen dafür, wie die skrupellose Vorherrschaft der Kartelle funktioniert, denn auf genau jenem Platz, den der Vater hegt und pflegt, spielen die Gangster Baseball. Die Frauen und Mädchen werden vom Kartell festgehalten, das mit absoluter Willkür seine Weltbilder durchsetzt. Wer nicht kooperiert, wird erschossen. Wer sich dagegen auflehnt, wird umgelegt.

Über die Hintergründe der Kartelle, die Gesellschaftsstruktur im Allgemeinen, erhalten die Zuschauer leider keine Informationen, erst bei einem Showdown auf der Party des intersexuellen Kartell-Oberhauptes wird ersichtlich, dass es neben der Vorherrschaft der Drogenmafia noch etwas anderes geben muss. Die Zuschauer haben sich damit abzufinden, dass dessen Herkunft oder Funktion für sie keine Rolle zu spielen hat. Weder die Hintergründe zu den situativen Gegebenheiten noch deren Struktur werden genauer gezeigt oder erläutert.

Das ist schade, denn dies führt zu Unverständnis und hinterlässt einige Fragezeichen am Ende des Filmes. Doch die Atmosphäre stimmt, ist dicht gewebt und die Zuschauer fiebern respektive zittern mit, wenn die stählernen Vans im Deathrace-Stil anrauschen und sich Huck unter der Bettdecke verstecken muss, um nicht entdeckt zu werden. Hier kann es gut vorkommen, dass die Zuschauer selbst den Atem anhalten, die Übermacht und das willkürliche Handeln der bis an die Zähne bewaffneten Gangster erzeugen bleibenden Eindruck.

Die Auflösung hingegen lässt am Ende auf sich warten, irgendwie will dieser erzeugte Schluss nicht wirklich gefallen und hinterlässt mehr offene Fragen, als während der knappen Laufzeit beantwortet worden sind. Denn Julio Hernández Cordón hält seine Filme gerne knapp, keines seiner Werke besitzt eine längere Laufdauer als 1,5 Stunden. Comprame un révolver bildet hier mit seinen 84 Minuten keine Ausnahme.

Die karge Wüste erinnert dabei an die dystopischen Weltbilder aus Turbo Kid oder Crumbs, die Storys unterscheiden sich nur teilweise. Mit Turbo Kid teilt sich Cómprame un Revolver den Fakt, dass die Gesellschaft fremdbestimmt und die Bevölkerung unterdrückt wird. Gesellschaftskritisch wäre der Film also erst richtig, wenn man wüsste, wer denn nun wirklich der Gegenspieler ist. So bleiben die Fragen leider ungeklärt und die Zuschauer nur teilweise zufriedengestellt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook