Une colonie (2018)

Une colonie (2018)

  1. 102 Minuten

Filmkritik: Mylia und wie sie die Welt sah

1. OutNow Film Festival 2020
Wer bin ich, was ist die Welt?
Wer bin ich, was ist die Welt? © Outside the Box

Mylia (Emilie Bierre) lebt mit ihrer kleinen Schwester Camille (Irlande Côté) und ihren Eltern Nathalie (Noémie Godin-Vigneau) und Henri (Robin Aubert) in Quebec. Dort besucht sie nun die High School und lernt dort Jacinthe (Cassandra Gosselin-Pelletier) kennen. Jacinthe verspricht sich Hilfe von Mylia, um im Geschichtskurs bessere Noten zu erreichen. In der High School trifft sie auch auf den sehr gradlinigen Mitschüler Jimmy (Jacob Whiteduck-Lavoie), der aus dem umliegenden Abenaki-Reservat kommt. Obwohl Jimmy der noch grössere Aussenseiter als sie selbst zu sein scheint, ist sie fasziniert von ihm.

Ruhe vor dem Sturm
Ruhe vor dem Sturm © Outside the Box

Mylia versucht einen Platz in der Welt zu finden zwischen ersten Partys, Schule und ihrer Familie, womit sie sich aber sehr schwertut. Sie fühlt sich an den Partys unwohl und spürt Konflikte innerhalb ihrer Familie. Und nicht zuletzt fällt es ihren Mitmenschen schwer, mit ihrer spürbaren inneren Zerrissenheit umzugehen.

Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles schrieb auch das Drehbuch für dieses Drama. Une colonie ist ein Film über einen 12-jährigen Teenager, der sich durch sehr feine, intelligente Dialoge auszeichnet und ist dank der brillanten Darstellung kanadischen Hauptdarstellerin Emilie Bierre in der Rolle der Mylia nie langweilig. Ein kleiner Geheimtipp!

Regisseurin Geneviève Dulude-Du Celles feiert mit Une colonie ihr Langspielfilm-Debüt. Bisher war sie nur für Kurz- und Dokumentarfilme als Regisseurin und Produzentin in Erscheinung getreten. Neben Hauptdarstellerin Emilie Bierre spielt vor allem auch Irlande Côte als ihre kleine Schwester Camille so richtig gross auf. Das Zusammenspiel der beiden Schwestern ist realistisch und teilweise auch berührend. Da ist es auch nicht weiter tragisch, dass Noémie Godin-Vigneau und Robin Aubert, welche die Eltern der beiden Mädchen verkörpern, eher etwas farblos wirken. Die Hauptdarsteller und wichtigsten Nebendarsteller stammen übrigens allesamt aus Quebec, wo ja auch die Geschichte spielt.

Mit Une colonie ist es der Regisseurin ausgezeichnet gelungen, die Irrungen und Wirrungen eines Teenagers darzustellen. Das Thema Rassismus wird angeschnitten, ist aber kein Hauptthema des Films. Vielmehr ist es einer der vielen kleine Zweige an diesem Baum der Ausgegrenztheit, dem eigentlichen Thema des Films. Der Film verzichtet grösstenteils auf Emotionen und schafft gerade damit eine grosse Emotionalität. Und er beweist auch Mut zur Stille und regt die Zuschauer gleichzeitig dazu an, auch einmal aus ihrer Komfortzone auszubrechen.

Der Film hat mit gut 100 Minuten die perfekte Länge. Etwas mehr Story hätte ihm vielleicht gut getan. Dadurch wäre dem Film aber vielleicht seine grosse Stärke beraubt worden, dieser Unaufgeregtheit, in der die Story erzählt wird. Dann wäre es ein gewöhnliches 0815-Drama geworden, und das ist Une colonie definitiv nicht.

/ chr

Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 02:02