Marvel's Cloak & Dagger - Season 1 (2018)

Marvel's Cloak & Dagger - Season 1 (2018 / Serie)

  1. , ,
  2. 44 Minuten

Serien-Review: Milch und Schokolade vs the Forces of Evil

Die beiden 10-Jährigen Tandy Bowen und Tyrone Johnson stammen aus völlig anderem Umfeld: Tandy kommt aus reichem Haus, denn ihr Vater ist Chefingenieur der Roxxon-Gulf-Ölbohrplattform; der Afroamerikaner Tyrone stammt hingegen aus einem Problemviertel und eifert seinem Bruder Billy nach, der mit seinen Kumpels Autos knackt. Eine schicksalhafte Nacht soll die beiden Kids aber für immer verbinden: Als Tandy mit ihrem Vater über eine Brücke fährt, explodiert die Bohrinsel vor der Küste von New Orleans und das Auto stürzt ins Meer. Gleichzeitig wird Billy bei den Docks von einem korrupten Cop erschossen und Tyrone springt seinem toten Bruder hinterher ins Wasser.

Acht Jahre später hat sich Tandy (Olivia Holt) zur Trickbetrügerin gemausert, während ihre drogensüchtige Mutter immer noch versucht, Roxxon für den Tod ihres Mannes zu belangen. Ty (Aubrey Joseph) hingegen ist Vorzeigeschüler und Basketballstar an einer katholischen Eliteschule, da seine Mutter eine gut bezahlte Stelle bei Roxxon erhalten hat. Doch als sich die beiden an einer Party zufällig wiederbegegnen, weckt eine Berührung neue Kräfte in ihnen. Tandy kann plötzlich einen gleissenden Dolch beschwören, während sich Ty im Dunkeln teleportieren kann. Widerwillig schliessen sich die beiden zusammen, um mehr über ihre Kräfte und die Ereignisse in jener Nacht herauszufinden.

Ein wunderbares Darstellerduo und eine spannende Erzählweise, welche die Titelhelden erstaunlich lange auseinanderhält, macht Marvel's Cloak & Dagger zu einem kleinen Geheimtipp unter den Comic-TV-Serien. Dazu tragen besonders die eindrücklichen Traumsequenzen bei, die wunderbar trippy rüberkommen und viel Raum für Interpretation lassen. Zwar macht sich das begrenzte Budget gegen Ende hin leider ein wenig bemerkbar; dies wird durch die mythisch-fantastische Komponente und die eigenwillig Verflechtung der verschiedenen Geschehnisse aber locker wettgemacht.

Wer in den Neunzigern öfter mal an einem Kiosk vorbeikam, wird sich vielleicht noch an sie erinnern: Als eine der wenigen US-Comicreihen, die auch hierzulande publiziert wurden, fielen Cloak & Dagger - oder wie sie bei uns hiessen: Licht & Schatten - durch die auffällige Optik auf, bestand das Paar doch aus einem schwarzen Mann mit enormem wallenden Umhang und einer hübschen blonden Frau im hautengen weissen Anzug, dessen Ausschnitt buchstäblich bis unter den Bauchnabel reichte. Diese, ähem, Offenherzigkeit lässt die TV-Version freilich komplett weg. Trotzdem weiss die Serie durch eine ganz eigenwillige Ästhetik zu überzeugen, welche auf spannende Weise mit der Erzählweise verwoben wird.

1982 von Autor Bill Mantlo und Zeichner Ed Hannigan in einem Spider-Man-Comic eingeführt, erhielten die Comic-Figuren ihre Kräfte ursprünglich durch die Injektion einer experimentellen Droge. So einfach macht es sich die Serie des Disney-Jugend-Spartensenders Freeform natürlich nicht. Im Gegenteil, denn es braucht tatsächlich ein bisschen Geduld, bis man endlich den Durchblick hat, wie die beiden Hauptfiguren miteinander verbunden sind und wie ihre Superkräfte genau funktionieren. Anstatt die übliche Origin-Story zu erzählen, nimmt sich die Serie dabei viel Zeit, um die Etablierung der Figuren über mehrere Folgen hinweg langsam aufzurollen. Überraschenderweise agieren die beiden Azubi-Helden sogar über einen grossen Teil der ersten Staffel getrennt voneinander. Ein klassisches Heldenduo, oder gar eine Liebesgeschichte, ist hier definitiv nicht zu erwarten.

Aufsehenerregend sind insbesondere die zahlreichen Traumsequenzen, in denen die eigentlichen Kräfte des Duos - nämlich die Hoffnungen und Ängste der Menschen offenzulegen - erlauben, die innersten Motive von Figuren bildlich umzusetzen. Weil hier erfreulicherweise auch immer wieder Mut zur Lücke gezeigt wird, wirken diese Sequenzen wunderbar trippy und trotzdem nicht bloss als visuelle Spielerei. Das gelungene Zusammenspiel von Figurenzeichnung, Handlung und Ästhetik ist auch den tollen Hauptdarstellern zu verdanken, die nicht nur optisch eindrückliche Gegensätze darstellen, sondern auch wunderbar komplexe Charaktere verkörpern.

Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann ist dies der Gegner: Roxxon - jawohl, die böse Firma, die unter anderem schon bei Agent Carter und Daredevil Erwähnung fand - ist nicht wirklich bedrohlich, was sich gerade in der letzten Folge zeigt, wo das begrenzte Budget deutlich spürbar ist. Das vermag den Gesamteindruck der ersten Staffel aber nicht zu trüben. Zudem verleiht gegen Ende hin die Stadt New Orleans und deren mythisches Potenzial der üblichen Superheldenstory einen ganz eigenen Spin. Mit der zusätzlich eingewobenen Prise Sozialkritik ist dieser neuste Ableger des MCU also definitiv mehr als "bloss" eine Teenie-Serie.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd