Climax (2018)

Climax (2018)

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  3. 95 Minuten

Filmkritik: You can D.A.N.C.E!

71e Festival de Cannes 2018
Viva sangria!
Viva sangria! © Xenix Filmdistribution GmbH

Eine Gruppe junger Erwachsener um Selva (Sofia Boutella) probt eine Tanzchoreo, die Gruppe hat ihre Performance mit Street-Dance-Elementen wahrlich im Griff. Auf den Auftritt folgt eine Party im Gebäude mit engen Gängen, in welchem die Tänzerinnen und Tänzer geprobt haben. es wird gelacht, geredet und Sangria getrunken.

Party hard!
Party hard! © Xenix Filmdistribution GmbH

Nach und nach steigert sich die Laune, die Gespräche drehen sich vermehrt um Sex. Bis sich die ersten der Crew nicht mehr wohl fühlen und sich herausstellt, dass jemand etwas in den Sangria geschüttet haben muss. Es beginnt eine Suche nach dem Täter mit heftigen Anschuldigungen, die in einem regelrechten Horrortrip gipfelt.

Und wenn man es am wenigsten erwartet, kommt ein neuer Noé-Film daher: Lange wusste niemand, dass der französische Regisseur etwas im Tun hat und noch länger waren jegliche Details zu Climax unbekannt. Gaspar Noé findet damit beinahe zu alter Stärke zurück und stellt den Anschluss her an Enter The Void. Die Kameraeinstellungen haben sich kaum verändert, es findet zusätzlich ein langer One-Shot Platz im Filmgefüge. Die Story ist schnell erzählt, wichtiger ist der Drogentrip, der in einem Exzess endet. Don't do drugs, kids!

Das Enfant terrible des französischen Kinos ist zurück: Gaspar Noé hat einen neuen Film am Start. Drei Jahre nach Love erscheint Climax. Thematisch ähnelt dieser den letzten Filmen von von Noé, Enter The Void und Love. Die graue Tristesse aus Beton und Abgrund menschlicher Seelen, Einsamkeit und Misanthropie aus Menschenfeind scheint Noé nun endgültig abgeschrieben zu haben.

Climax ist einer seiner positiveren Filme, wenn auch hier die Message mitschwingt, dass die Menschen doch zu Furchtbarem imstande sind. Nur ist das hier zurückzuführen auf eine nicht näher erwähnte Substanz, während es in vorherigen Werken ein psychisches Leck in der menschlichen Seele war. Das Exzessive ist allgegenwärtig, Neonlichter ersetzten Betonwände, Partys das spärlich heimische Wohn- oder Hotelzimmer. Climax beginnt als Casting für eine Tanzcrew mit abgespielten Interviews auf einem alten Röhrenfernseher, daneben gestapelt die VHS-Kassetten von Filmen wie Suspiria, Obsession oder Un Chien Andalou. Bald folgt eine Probe, bei welcher Noés Kameramann, Benoit Debie, die Szene minutenlang aus der Overview festhält, als wäre die Kamera an der Decke des Raumes montiert. Dialoge gibt es keine, bis die Probe endet.

Der Aufbau von Climax verwirrt, wie es der Zuschauer von Noés Filmen gewohnt ist, hier kommt der Abspann gleich zu Beginn, die Szenen sind in Episoden gegliedert, welche in sich geschlossen wirken: Interviews auf dem Screen, Tanzchoreo, gemässigte Party, Dialoge, Sangria, ausschweifende Dialoge, wilde Party, totaler Exzess. Irgendwo in der Mitte wird der Cast angekündigt, in grossen, leuchtenden Neonlettern, ähnlich Leuchtröhren-Werbungen. Noés Name erscheint mit einem verstörenden Smiley, als wollte er andeuten, was folgen wird.

Denn was gemächlich und übersichtlich beginnt, dreht sich spätestens nach der Hälfte spiralförmig im Kreis, brennt lichterloh oder zerstört sich selbst. Vergessen der beeindruckende, anfängliche One-Shot der Performance vor glitzernder Frankreich-Flagge. In klaustrophobisch engen Couloirs des Setting, spärlich mit bunten Neonlichtern ausgeleuchtet, dreht die Kamera upside-down (und bleibt es teilweise auch) in gewohnter Noé-Manier, wirbelt wild im Kreis und lässt den Zuschauer den Fokus verlieren. Er ist den wilden Kamerafahrten schutzlos ausgeliefert. Der Rausch der Akteure wird für den Zuschauer zunehmend selbst spür- und erlebbar. Der Cast besteht aus Tänzerinnen und Tänzern, welche - ausser Sofia Boutella - keine Leinwanderfahrung vorzuweisen haben, die Dialoge sind improvisiert, gedreht wurde während nur 15 Tagen.

Noé spart auch hier nicht mit kontrovers diskutierbarem Inhalt, zielt aber weniger fokussiert auf die Abbildung dieser Szenen ab als noch in Irreversible oder Love. Geniessbar sind diese Szenen aber nicht, insbesondere ein weiblicher Gewaltexzess gegen eine andere Darstellerin. Leider geht ihm allmählich die Tiefe seiner Sozialkritik etwas verloren. Seine neueren Filme deuten diese zwar immer noch an, führen sie aber nicht mehr so anschaulich aus.

/ yab

Kommentare Total: 7

gli

Zwei Anmerkungen zum Kommentarverlauf:
1. Für die Zuschauer wird aufgelöst, wer die Drogen in den Sangria gemixt hat.

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In der letzten Einstellung sitzt die kurzhaarige Blondine namens Psyche auf dem Bett und nimmt Augentropfen. Neben ihr liegt ein Buch mit der Aufschrift "LSD". Bereits in der Tanzszene hat sie einen speziell auffälligen Auftritt, da sie als einzige im Bikini performt.

2. Es ist nicht das LSD, das die Aggressionen verursacht, sondern der Umstand, das die Drogen ihnen heimlich verabreicht wurden. Das LSD mindert ihr Wahrnehmungs- und Einschätzungsvermögen, wodurch sie auf ihrem schlechten Trip schneller zu Gewalt neigen. Von daher ist der Exzess nicht so abwegig.

yan

Im Film herrscht Ungewissheit über die Substanz. 1. Gibt es keine Auflösung wer die Drogen in den Sangria gemixt hat und 2. sind die Betroffenen zum Zeitpunkt, wo sie es bemerken in einer derart anderen Welt, dass sie nicht realisieren was sie genommen haben.

Noé und seine Darsteller haben aber in mehreren Interviews bestätigt, dass es sich um LSD handelt.

ebe

@yan Erfährt man im Film, ob es LSD ist, das in den Sangria gemixt wurde? (Frage ist ernsthaft, nicht rhetorisch gemeint, erinnere mich wirklich nicht mehr)

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