La ciudad oculta (2018)

La ciudad oculta (2018)

  1. , ,
  2. 80 Minuten

Filmkritik: Tunnelblick

Zurich Film Festival 2019
Notes from the underground
Notes from the underground

Es ist ein schier endloses Netz aus Tunneln, Gängen und Röhren, welches sich unter der Erdoberfläche der Stadt Madrid Erstreckt. Abwasserkanäle, durch die das schmutzige Wasser abfliessen kann, Zugangsschächte zu Überwachungszentren, Luftschächte, Tunnel für Strassenbahnen, Metro und Autobahnen. Von kleinen Röhren mit wenigen Zentimetern Durchmesser bis zu riesigen Tunneln, welche sich ihren Weg durch den Untergrund bahnen.

Menschen gibt es dort unten nur wenige. Diejenigen, welche dort arbeiten, sind ständiger Feuchtigkeit, Dunkelheit und Lärm oder totaler Einsamkeit ausgesetzt. In den ruhigen Gängen hausen Tiere, welche sich die Röhren zum Lebensraum gemacht haben und höchstens bei Nacht an die Erdoberfläche kommen: Ratten, Eulen und auch Katzen. La ciudad oculta zeigt diese verborgene, düstere Welt unterhalb der Millionenmetropole.

Victor Morenos experimentelle Dokumentation zeigt eine Welt fernab des Alltages. Das Gezeigte spielt sich ausschliesslich im Untergrund der Grossstadt Madrid ab, in Tunnelsystemen, die man sonst eher nicht zu Gesicht bekommen würde; Orte, an welche man sich nicht zufällig verirrt. Es ist eine spezielle Welt, der unseren zwar nah und doch so fern. Die hypnotischen Bilder und das ungewöhnliche Sounddesign bieten eine unkonventionelle, wenn auch nicht vollends einnehmende Filmerfahrung; dafür ist das Werk zu mechanisch, zu düster. Dennoch nimmt der Film einen mit auf eine Reise in selten gesehene Grossstadtgefilde.

2018 erschien der Dokumentarfilm Walden, in dem in 13 Aufnahmen ohne Dialog und praktisch ohne Handlung 360-Grad-Waldaufnahmen gezeigt wurden. La ciudad oculta verfügt im Vergleich zwar über mehr "Erzähl"-Tempo, tut es dem Film von Daniel Zimmermann jedoch in Sachen hypnotischer Bilderflut, ganz ohne Dialoge und narrativem Charakter, ganz ähnlich.

Moreno zeigt Gänge und Tunnel, organische und mechanische Vorgänge und Wesen, welche sich in den dunklen Winkeln aufhalten: Da wären Tunnel, welche über mehrere Meter Durchmesser verfügen, durch die Strassenbahnen fahren. Gänge, welche durch grosse, industrielle Maschinen bearbeitet werden. Oder Röhren, die so eng sind, dass gerade einmal eine Ratte darin Platz findet. In manchen Gängen tropft das Wasser von der Decke, in anderen schlafen in Decken gehüllte Menschen oder es fliesst das Abwasser der Stadt durch. Es ist ein regelrechtes Netz aus Tunneln, welches unter einer Stadt liegt und das nur die wenigsten Menschen jemals zu Gesicht bekommen (von den Metro-Tunneln einmal abgesehen). Eine fremde, unheimliche Welt, gehüllt in Dunkelheit und Feuchtigkeit, Lebensraum von Ratten und anderem Gekrieche.

La ciudad oculta taucht während 80 Minuten ab in diese Welt und kommt dabei nie an die Oberfläche. Mit hypnotisch-psychedelischen Bildern fährt die Kamera durch das moderne Höhlensystem, verharrt geduldig, beschleunigt so schnell, dass die Kamera nicht mehr fokussieren kann. Die Motive sind dabei oftmals auf den ersten Blick kaum erkenn- oder deutbar und werden der Imagination des Publikums überlassen. Sind es die Sterne im Himmel, welche zu sehen sind, oder doch einfach Lichter? Oder sind es die Funken, welche durch die Bremse einer Metro geschlagen werden? Als Betrachter braucht man viel Geduld und die Fähigkeit, sich auf ein Experiment einzulassen, ansonsten wird man enttäuscht sein. Es werden Bilder von Überwachungskameras eingebaut und verwackelte Aufnahmen, welche wahrscheinlich mit einer Mikroskop-Kamera gedreht wurden.

La ciudad oculta ist alles andere als ein konventioneller Film, verfolgt er doch keine narrativ-nachvollziehbare Story. Ebenso ausgefallen ist das Sound-Design der Dokumentation: Dialoge gibt es beinahe keine, die einzigen verbalen Äusserungen erfolgen durch Funksprüche. Die Klangwelt hingegen ist dafür um einiges umfangreicher: Laute, dumpfe, metallische Geräusche, vorbeirauschende Bahnen, aber auch tropfende Decken und sphärisch-dröhnende Klänge sind zu hören. Eine Mischung aus Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft. Genau wie die Tunnel, welche alle immerfort existieren und ihren Dienst tun, ungeachtet all dessen, was sich an der Erdoberfläche abspielt.

/ yab