Celle que vous croyez (2018)

Celle que vous croyez (2018)

Filmkritik: There's something catfishy here

69. Internationale Filmfestspiele Berlin 2019
Alles Clara
Alles Clara

Als ihr jüngerer Lover Ludo mit ihr Schluss macht, beschliesst Claire (Juliette Binoche), ihn online auszuspionieren. Die Universitätsprofessorin legt ein Fake-Profil an und gibt sich fortan als die 24-jährige Clara aus. Dabei kommt sie in Kontakt mit Ludos Freund und Mitbewohner Alex (François Civil), der sofort Interesse an Clara zeigt. Schon bald entwickelt sich eine Online-Beziehung zwischen den beiden.

Instalove: Claire und Alex
Instalove: Claire und Alex

Während Alex nicht ahnt, dass er in Wirklichkeit mit einer Fünfzigjährigen chattet, ist Claire zunehmend besessen von ihrer virtuellen Beziehung. Ständig starrt sie auf ihr Handy, schreibt Nachrichten und vernachlässigt dabei ihre beiden Kinder. Als Alex sie dazu drängt, sich endlich im echten Leben zu treffen, findet Claire sich in einer ausweglosen Situation wieder.

Eine Person gibt sich online als jemand anderes aus und verliebt sich dabei Hals über Kopf. Was passiert, wenn der Angebetete hinter das Geheimnis kommt? Diese Storyidee hätte genausogut für eine Rom-Com herhalten können, in Celle que vous croyez verarbeitet Regisseur Safy Nebbou (L'empreinte de l'ange) sie zu einem Drama, das sich selbst für intelligenter hält, als es ist. Der Film verschenkt dabei ein spannendes Thema: Wie ergeht es Frauen, wenn sie über ihr "bestes Alter" hinaus sind?

Celle que vous croyez basiert auf dem gleichnamigen Roman von Camille Laurens. Für die Adaption des Stoffes holte Nebbou sich Unterstützung von der Drehbuchautorin Julie Peyr. An sich eine gute Entscheidung, geht es doch um die Rolle der Frau und deren suggerierten Wertverlust für den Mann, sobald sie nicht mehr in ihrer "Blüte" ist. Claire ist geschieden und wird von ihrem jüngeren Lover auf äusserst uncharmante Weise verlassen. Kein Wunder, dass sie sich ihr jüngeres und schöneres Selbst zurückwünscht. Sie möchte wieder begehrt werden. Theoretisch bedient der Film damit ein relevantes Thema, das in der Praxis leider völlig unglaubhaft bedient wird.

Warum der gutaussehende - und augenscheinlich sozial bestens integrierte - Alex nicht früher an Claras Identität zweifelt, ist ein Rätsel. Zwar telefonieren die beiden miteinander, aber mit welchen Inhalten genau Claire ihr Fake-Profil befüllt, wird nicht gezeigt. Sie sei Praktikantin in der Modebranche, behauptet sie. Beweise dafür hat sie nicht. Genauso blass bleibt Alex. Er ist Fotograf, sieht gut aus und reist für zwei Monate nach Goa. Auf mehr Figurenfülle warten die Zuschauer vergeblich. Worüber Clara und Alex sich bei ihren angeblich stundenlangen Telefonaten austauschen? - Je ne sais pas.

Hinzu kommen absurde Twists und eine Story innerhalb der Story, die weder überraschend noch notwendig scheinen. Claire erzählt ihrer Therapeutin unterschiedliche Versionen ihrer eigenen Geschichte mit alternativem Ausgang. Offenbar soll damit suggeriert werden, dass falsche Identitäten und Lügen nicht nur online, sondern auch offline existieren. "Wir sind nicht schuld", sagt ihre Therapeutin am Ende, als wäre Claire dazu genötigt worden, Alex eine falsche Identität vorzugaukeln. Celle que vous croyez macht es sich damit an vielen Stellen zu einfach. Darüber kann selbst die zauberhafte Juliette Binoche nicht hinwegtäuschen.

11.02.2019 / swo