Filmkritik: Gypsy Girl Kiss

71e Festival de Cannes 2018
Bride to be
Bride to be © Studio / Produzent

Carmen (Rosy Rodríguez) ist 17 Jahre alt und Tochter einer Roma-Familie in einem Aussenbezirk Madrids. Sie steht, wie es in ihrer Kultur üblich ist, kurz vor der familiär arrangierten Hochzeit. Auch wenn sie gerne Coiffeuse gewesen wäre, hat sie sich damit abgefunden, den Haushalt zu schmeissen und viele Kinder zu kriegen. Tagsüber hilft sie ihrem Vater auf dem Markt, als es eines Tages stark zu regnen beginnt und sie eine Plane organisieren muss. Diese findet sie am Gemüsestand vis-à-vis, wo die 16-jährige Lola (Zaira Romero), ebenfalls eine Roma, ihrem Vater beim Gemüseverkauf hilft.

Zeit zu zweit
Zeit zu zweit © Studio / Produzent

Für Lola, die seit geraumer Zeit weiss, dass sie auf Frauen steht, ist es Liebe auf den ersten Blick: Sie kann Carmen nicht mehr vergessen und sehnt sich täglich, sie auf dem Markt wiederzusehen. Die beiden Teens freunden sich an. Für Carmen, die nichts von Lolas Homosexualität ahnt, ist es eine reine Mädchen-Freundschaft. Carmen heiratet, und wie es der Zufall will, ist ihr Bräutigam kein Geringerer als Lolas Cousin - was die beiden noch enger verbindet.

Carmen y Lola ist ein emotonal aufgeladenes Liebesdrama, in dem sowohl Familie, traditionelle Werte wie auch der Stolz eine wichtige Rolle spielen. Denn Homosexualität wird in der Roma-Kultur zum grössten Teil noch nicht akzeptiert und gar als Krankheit abgetan, die geheilt werden kann. Die Regisseurin Arantxa Echevarría macht genau das Richtige, indem sie in ihrem für Gänsehaut sorgenden Film Tabuthemen anspricht und gnadenlos aufzeigt, dass die Liebe sich weder durch übermässigen Stolz, verletzte Ehre noch jahrhundertelange Traditionen unterbinden lässt.

Das Drama von Arantxa Echevarría dreht sich um eine Liebe, die nicht sein soll. Wie wir aus eigener Erfahrung aber wissen - und es in vielen Filmen gesehen haben -, wächst die Liebe dort, wo sie hinfällt und nicht dort, wo sie gepflanzt werden soll. Sie macht keinen Halt, unterscheidet nicht zwischen Kaste, Hautfarbe oder Geschlecht, wenn auch dies einigen traditionellen Bevölkerungsgruppen missfällt.

Umso wichtiger sind Filme, die genau dies abhandeln. Die Roma-Bevölkerung ist erneut in den medialen Fokus geraten, diverse Filme beschäftigen sich mit den Schicksalen und Traditionen der in diversen Ländern verstreuten Gemeinschaften. Und zeigen uns: Roma sind nicht mehr einfach nur Fahrende in Wohnwagen, Messerschleifer oder Tagelöhner. Die Roma-Kultur geht mit der Zeit, Traditionen sind jedoch noch immer das Grundgerüst für eine funktionierende Familienstruktur. Die Geschlechterrollen sind dabei klar verteilt: Ein Mädchen soll baldmöglichst heiraten, Kinder zeugen und zu Hause für die Familie sorgen, Bildung oder gar eine Ausbildung liegen meistens nicht drin. So ergeht es auch Carmen, die mit 17 kurz vor ihrer Hochzeit steht. Nur: Das Leben hält für sie andere Pläne bereit.

Das Drama spielt mit den Extremsituationen, die Familientreffen sind laut und hektisch. Es wird getanzt, gesungen, ganz viel geredet, gestritten, geschrien, wie dies auch in Pio der Fall war. Hier fängt die wacklige Kamera die Szenen ein, wie sie sind. Sie schwenkt schnell hin und her, es gibt viel Dialog und ist nicht ersichtlich, in welchen Relationen die Charaktere zueinander stehen. Ganz im Gegensatz zu den sinnlichen Szenen, wenn sich Carmen und Lola näherkommen: Hier bricht die Musik ab, die Hintergrundgeräusche verschwinden. Die Kamera dreht sich um die beiden Darstellerinnen, das Bild ist ruhig, driftet ins helle Weiss, und es wird spürbar, dass dieser kurze Moment nur den beiden gehört. Wenn Lola Carmen beim Hochzeitstanz - wenn glitzerndes Kleidchen sich an glitzerndem Kleidchen reibt - die Hand auf den Bauch legt oder sich die beiden küssen, stellen sich vor hochgehender Emotion schon mal die Nackenhhaare auf.

Die Chemie zwischen den beiden Darstellerinnen Rosy Rodríguez und Zaira Romero stimmt: Wie sie sich anschauen, welche Hürden sie auf sich nehmen für den Fortbestand ihrer Liebe, entgegen jeglicher traditioneller Werte und familiären Erwartungen, ist gleichermassen beeindruckend wie schön. Die Zuschauer leiden mit, wenn die Liebe zu zerbrechen droht, die Familien sich in ihrer Ehre verletzt fühlen und mit allen möglichen Mitteln versuchen, die beiden jungen Frauen zu trennen. Denn wo die Liebe hinfällt, schlägt sie sich die Knie wund...

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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