Capernaum - Capharnaüm (2018)

Capernaum - Capharnaüm (2018)

Capharnaum - Stadt der Hoffnung
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  2. 121 Minuten

Filmkritik: Eltern sind Schweine

71e Festival de Cannes 2018
Kinderhütedienst
Kinderhütedienst

Der 12-jährige Zain (Zain Al Rafeea) betritt in Handschellen das Gericht. Es soll hier und heute jedoch nicht über ihn geurteilt werden. Der Junge sitzt nämlich gerade eine fünfjährige Haftstrafe ab, da er jemanden mit einem Messer verletzt hat. Zain ist hier, weil er seine Eltern verklagen will. "Warum?", wird er vom Richter bei der Verhandlungseröffnung gefragt. "Weil sie mich auf die Welt gebracht haben", antwortet Zain. Wie konnte es nur zu dieser Situation kommen? Die Antwort liegt in einer schmerzhaften Vergangenheit.

Denn Zain war ein Kind unter vielen in seinem Zuhause. Liebe gab es jeweils nicht viel von Seiten der Eltern, die ihr Geld unter anderem mit dem Schmuggeln von Drogen in den Knast verdienten. Die Kinder mussten dabei jeweils helfen. Als Zain hilflos mitansehen musste, wie seine um ein Jahr jüngere Schwester dem Sohn ihrer Vermieter zur Heirat versprochen wurde, flüchtete der Junge mit dem Bus in eine nahe gelegene Stadt, wo er auf die Putzkraft Rahil (Yordanos Shiferaw) und ihren einjährigen Sohn (Boluwatife Treasure Bankole) traf. Der Beginn einer weiteren schweren Leidenszeit.

Capharnaüm ist ein aufwühlendes Drama mit grossartigen Performances, einer Top-Inszenierung von Regisseurin Nadine Labaki und einer Handlung, während der man weinen, lachen, bangen und hoffen kann. Ein Film, der richtig nahe geht und der dieses unbeschreiblich schöne Gefühl gibt, wieder einmal ein grossartiges Werk gesehen zu haben.

Als sich Regisseurin Nadine Labaki an einen neuen Film machen wollte, hatte sie viele Themen im Kopf, die sie verarbeiten wollte. Alle diese Themen sind dann in einer ersten Phase auf ein Whiteboard geschrieben worden. Darunter waren unter anderem schwere Topics wie illegale Immigranten, misshandelte Kinder, die Absurdität von Grenzen und Rassismus. In einer zweiten Phase setzte sie alles in einem Film um. Wer jetzt glaubt, dass dabei ein heilloses Durcheinander (der Titel "Capharnaüm" bedeutet genau das) entstanden ist, irrt sich. Labaki ist mit ihrem dritten Film ein unglaublich dichtes, aufwühlendes Drama gelungen.

Ok, zugegeben: Das Obengeschriebene schreit regelrecht nach Depro-Kino par excellence, und fröhlich pfeifend wird wohl kaum jemand aus dem Kinos laufen. Doch ist Capharnaüm ist nicht einfach nur ein schwerer Klotz, sondern fesselt dank der Bildsprache und den starken Performances die ganze Zeit. Der Protagonist Zain ist zudem zwar in einer himmeltraurigen Situation, doch ist er mit seinem Verhalten nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Er kämpft für das, was er als richtig empfindet und benimmt sich zuweilen weit erwachsener als seine Erzeuger, denen er immer wieder die unschönsten Dinge an den Kopf wirft. Der Laiendarsteller Zain Al Raffeea ist schlicht eine Wucht.

Verlegt sich die Geschichte von Zain dann in eine andere Stadt nimmt die Intensität zu, und Capharnaüm wird richtig herzzerbrechend, jedoch auch herzerwärmend. Die zweite Hälfte dreht sich fast komplett um den Versuch, ein einjähriges Baby zu beschützen, was den Puls bei den Zuschauern natürlich automatisch erhöht. Man möchte ja nicht, dass einem hilflosen Krabbler was passiert. Manipulativ fühlt sich dies jedoch nicht an. Wir leiden richtig mit, verstehen die Taten aller, schütteln den Kopf ab den ummenschlichen Zuständen und vergiesen Tränen.

Da ist es fast etwas schade, dass der Schluss, bei dem Regisseurin Labaki auch als Anwältin auftritt, etwas dick aufträgt. Doch mag man diesen Schönheitsfehler dem Film vergeben, da er harte Schicksale während zwei Stunden realistisch dargestellt hat und dabei berührt und noch eine Weile beschäftigen wird. Das hier ist gutgemachtes Drama-Kino, wie es besser kaum geht.

/ crs

Kommentare Total: 2

Conor

Die letzte Einstellung ist ein Schlag in die Magengrube schleudert mich durch die zwei Stunden davor.

crs

Filmkritik: Eltern sind Schweine

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