Buñuel in the Labyrinth of the Turtles - Buñuel en el laberinto de las tortugas (2018)

Buñuel in the Labyrinth of the Turtles - Buñuel en el laberinto de las tortugas (2018)

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  3. 80 Minuten

Filmkritik: Augenaufschneiden war gestern!

17. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2019
Und wenn die Action nicht passt, wird sie passend gemacht.
Und wenn die Action nicht passt, wird sie passend gemacht. © Salvador Simó

Paris, 1930: Der Spanier Luis Buñuel ist ein junger aufstrebender Regisseur, der mit der Kunstrichtung des Surrealismus experimentiert. Sein neuster Film L'age d'or provoziert jedoch einen handfesten Skandal, denn die Pariser sind derart von seinem Werk geschockt, dass ihm niemand mehr Geld für seine Filmprojekte geben will. Ein Freund schlägt ihm vor, einen Dokumentarfilm über die abgelegene spanische Gegen Las Hurdes zu drehen, um der Welt das Leid der bitterarmen Leute zu zeigen und so ihr Leben zu verbessern. Doch jeder potenzielle Geldgeber schlägt ihm die Tür vor der Nase zu.

Ich bin hier der Lottoheini.
Ich bin hier der Lottoheini. © Salvador Simó

Genau da gewinnt sein alter Freund Ramón Acín im Lotto. Und weil er Luis versprochen hatte, bei einem Lottogewinn seinen nächsten Film zu finanzieren, steigt er als Produzent in das Projekt ein. Ein vierköpfiges Filmteam reist in die gebirgige Landschaft in der Region Extremadura, doch die Dreharbeiten erweisen sich als schwieriger als erwartet. Luis verpulvert schnell einen grossen Teil des Budgets und ist sich trotz seines Anspruchs an "extremen Realismus" nicht zu schade, die vermeintlich realen Szenen kurzerhand nachzustellen oder sogar komplett selbst zu inszenieren, um den Film dramatischer zu machen. Unter seinem grossen Ego hat vor allem die Freundschaft zu Ramón zu leiden.

Buñuel en el laberinto de las tortugas stellt als fiktionalisiertes Making-of den Live-Action-Filmaufnahmen aus den Dreissigerjahren korrigierend die (vermeintlich) tatsächlichen Ereignisse hinter der Kamera in animierter Form gegenüber. Dank der exzentrischen Art der Filmfigur Buñuel und den Originalfilmsequenzen ist dies eine Weile lang unterhaltsam anzusehen. Weil aber surrealistische Traumsequenzen eher zusammenhangslos eingestreut werden und das Ganze keinen richtigen Abschluss hat, hinterlässt die Dokumentation einen etwas halbgaren Eindruck.

Tierfreunde seien an dieser Stelle gewarnt: Buñuel en el laberinto de las tortugas enthält Szenen aus dem Originaldokumentarfilm Las Hurdes - Terra sin Pan des Surrealisten Luis Buñuel. Und neben Aufnahmen von der mausarmen Bevölkerung der spanischen Bergregion gibt es so auch gleich mehrere Szenen mit - leider echter - Gewalt an Tieren zu sehen. Da werden in Grossaufnahme Hähnen die Köpfe abgerissen, Ziegen erschossen und steile Hänge hinuntergeworfen, und ein Esel wird sogar absichtlich einem Schwarm aufgestachelter Bienen ausgesetzt. Alles nur, um scheinbar "echte" und dramatische Bilder einfangen zu können.

Von Anfang an wird so klar, dass der Film des spanischen Regisseurs Salvador Simó es nicht bloss dabei belässt, die Ereignisse hinter dem berühmten Dokumentarfilm zu erzählen, sondern diesen berühmten Film aus heutiger Sicht in ein neues Licht rücken will. Allein wie Buñuel das Gefilmte manipuliert und die armen Leute letztlich für effektvolle Aufnahmen ausnutzt, ist ethisch ziemlich verwerflich. So liegt der Reiz des Filmes genau im Gegensatz von gestellter, aber als Realfilm gedrehter Originaldokumentation und den (vermeintlich?) realen, aber in Animationsform präsentierten Ereignissen.

Buñuel selbst gibt dabei eine durchaus spannende Hauptfigur ab. Als Kumpeltyp kommt er in den persönlicheren Szenen ziemlich sympathisch und witzig rüber, als getriebener Künstler übertritt er jedoch so manche Grenze des Anstandes. Auch der stetig wachsende Konflikt mit seinem Financier verleiht dem Film eine ordentliche Portion Spannung.

Dass der Film am Ende aber doch nicht wirklich packen kann, liegt in erster Linie an den blinden Flecken, die sich - und hier tritt der Animationsfilm in dieselben Fussstapfen wie Las Hurdes - Terra sin Pan - gegen Ende hin immer deutlicher abzeichnen. Denn beide Filme bleiben uns ein richtiges Ende schuldig. Von Buñuels weiterer Karriere erfährt man in etwa gleich viel wie vom Schicksal der armen Bergbevölkerung, der man in herablassender Manier ein besseres Leben versprochen hat. Zurück bleibt am Ende ein gewisses Gefühl von Leere: Buñuels surreale Traumsequenzen werden kaum erzählerisch eingebunden, und man hat irgendwie das Gefühl, der Geschichte eines Filmes beigewohnt zu haben, der (zumindest aus heutiger Sicht) schon irgendwie recht daneben war. Und dies kratzt letztlich bei aller Liebe zum (animierten) Detail halt schon etwas am Gesamteindruck.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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