The Biggest Little Farm (2018)

The Biggest Little Farm (2018)

Unsere grosse kleine Farm
  1. 91 Minuten

Filmkritik: The Circles of Life

«And I think to myself...»
«And I think to myself...»

Die Food-Bloggerin Molly Chester hegt schon lange einen grossen Traum, doch dessen Verwirklichung traut sie sich nicht zu. Als ihr Mann John eines Tages den Hund Todd nach Hause bringt, ahnt er nicht, dass dieser ihnen bald keine andere Wahl mehr lassen wird, als diesem Traum nachzugehen. Denn der Vierbeiner kläfft den lieben langen Tag. Bald flattert die Kündigung ins Haus und das Paar verlässt seine urbane Komfortzone mit Mollys Traum in der Hinterhand. Der scheint allerdings niemanden zu überzeugen. «Everyone told us this idea was crazy», erinnern sich die Chesters.

«...what a wonderful world!»
«...what a wonderful world!»

Sie wollen in friedlicher Koexistenz mit der Natur leben, «regenerative Agrikultur» betreiben und damit einen entscheidenden Schritt über den Bio-Landbau hinausgehen, nämlich «to regenerate while we extract». Sie suchen Investoren und kaufen sich 81 Hektar im landwirtschaftlich geprägten Hinterland von Los Angeles. Doch ihr Erdboden ist tot und sie sind umgeben von Monokulturen, Himbeeren unter kilometerlangen Plastikfolien und «Egg City», der weltgrössten Legebatterie. Inmitten dieser Trostlosigkeit beginnen die zwei unter Anleitung des Biodynamik-Experten Alan York die Erde wieder zum Leben zu erwecken.

The Biggest Little Farm ist ein Pionierwerk, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Mit hoher Schnittfrequenz bringt uns das Farmerpaar fein erzählt und immer wieder mit griffigen Sätzen unterlegt die Krux und Faszination des regenerativen Landbaus näher. Dieses Gute-Laune-Stück, ausgeschmückt mit teilweise brillanten Aufnahmen, behende abgeglichener Musik und liebevoll gezeichneten Animationen, bietet nicht nur hübschen Novellenstoff, sondern ist zugleich dokumentarisches Pflichtstück, agrikultureller Polarstern und philosophischer Augenöffner.

Alan York weiss, wie man mit sinkendem Aufwand steigenden Ertrag auf vollkommen natürliche Weise bewirken kann: indem man natürliche Ökosysteme nachahmt. Diese regulieren sich selbst mittels ihrer Biodiversität. So ist sein Motto bald Grundsatz der Chesterschen Apricot Lane Farm: «Diversify, diversify, diversify, that is the link to the whole thing.» So wird das Land ökologisch aufgerüstet. Allmählich merkt man, wieviel Know-how weltweit verlorengegangen ist. Dutzende verschiedene Fruchtsorten, Gründüngung und eine Unmenge an Tieren hauchen dem völlig ausgetrockneten, mit Pestiziden getränkten und von Maschinen gebeutelten Boden wieder Leben ein. Die Kamera ist immer mit dabei, wenn etwas gesetzt wird, blüht oder sich regt. Fast schon wie eine animierte Slideshow kommt dann die Dokumentation aus diesem Utopia daher; aus rund 880'000 Clips wählten die Macher 90 Minuten Filmmaterial aus. Es gibt so viel zu zeigen!

Von einer Tagebuchstruktur geführt, reist man durch die Jahre des Aufbaus. Dieser erweist sich trotz der Fülle an Highlights, die sich den Farmern bietet, als eine archetypische Drama-Story. The Biggest Little Farm dokumentiert nicht nur, er erzählt auch von Freude, die in Leid, von Aufbruchsstimmung, die in Verzweiflung und Ratlosigkeit umschlägt. «Each day is for us terrifying and magically surprising», fasst John zusammen. Der Film ist in jeder Hinsicht von hohem pädagogischen Wert.

Der Weg der Farmer wird zunehmend beschwerlich; eine sogenannte Plage folgt auf die nächste. Doch während ein anderer schon längst zum Giftschrank gegriffen hätte, beharren Molly & John auf ihrem Grundsatz, die Natur arbeiten zu lassen, ihr so viel zurückzugeben, wie sie von ihr nehmen. Das Akzeptieren des «comfortable level of disharmony», das John als Axiom des ganzen Ökosystems betrachtet, führt sie an ihre Grenzen, aber auch zu neuen und fundamentalen Erkenntnissen, die schonungslos offenlegen, woran unser (Land-)Wirtschaftssystem krankt. Es ist kein Zufall, dass John für den ethischen und emotionalen Konflikt des Tötens von Tieren zur Verfütterung an den Menschen bislang keine Lösung gefunden hat.

Subtil wird auch die Leitfrage der Zivilisation umgedreht: Nicht mehr wird erörtert, wie viel Platz die Natur beim Menschen einnehmen kann, sondern wo der Platz des Menschen (notabene der grössten ‹Plage› zurzeit) in der Natur ist. Molly & John zeigen an ihrem Beispiel auch das gigantische Potenzial auf, das eine Symbiose von Mensch und Natur mit sich bringen kann. Um Negativbeispiele zu sehen, braucht man nur vor die Haustür zu schauen. So will man nicht mehr weg von dem Bauernhof, irreal scheint die Pracht der Apricot Lane Farm. Am Ende denkt man sich: «Das will ich auch haben!» Das ist dann auch die grösste Leistung dieses Films, dass er Mut und Hoffnung spendet und die Vision einer neuen alten Art Landwirtschaft zu betreiben zeigt, deren Stossrichtung unvermeidlich ist, soll uns dieser Planet weiterhin beherbergen.

/ arx