Bellingcat: Truth in a Post-Truth World (2018)

Bellingcat: Truth in a Post-Truth World (2018)

  1. 88 Minuten

Filmkritik: Die Wahrheit liegt auf dem Bildschirm des Betrachters

Zurich Film Festival 2019
«Mal googeln, was Putin dazu meint.»
«Mal googeln, was Putin dazu meint.»

Gemessen an der Anzahl der Todesopfer zählt der Absturz des Air-Malaysia-Flugs 17 zu den zehn schwersten der Luftfahrtgeschichte. Fast 300 Personen starben, als die Boeing 777 am 17. Juli 2014 im Himmel über der Region Donezk explodierte. Vier Jahre später legte das Ermittlerteam den Abschlussbericht vor. Ihr Fazit: Die Maschine wurde von einer russischen Rakete abgeschossen, auch wenn das offizielle Russland das Gegenteil beteuerte.

Damit folgten sie den Erkenntnissen, die bereits 2016 das unabhängige Ermittlerteam bell¿ngcat veröffentlicht hatte. Mittels Google Earth, Twitter, Facebook und Co. jagen in deren Namen Forensiker mit unterschiedlichstem Hintergrund rund um die Welt Beweise für nicht abschliessend oder überhaupt nicht geklärte Straftaten geopolitischen Ausmasses. Sie spüren Terroristen auf, entlarven gestellte Autobombenexplosionen und klagen auch gerne mal wortwörtlich vom Küchentisch aus den russischen Präsidenten an.

Die Dokumentation Bellingcat: Truth in a Post-Truth World bewegt sich immer im Fahrwasser der porträtierten Open-Source-Investigators und bleibt ihnen gegenüber unkritisch, selbst wenn sie grundsätzlich kritische Fragen aufwirft. Stilistisch nicht wirklich gelungen umgesetzt, gibt sie spannende Einblicke in die Arbeit bell¿ngcats und zeigt, wie das Kollektiv funktioniert und wo es aktiv ist. Dessen Tätigkeit empfindet man tatsächlich als bemerkenswert, den Film hingegen eher weniger.

Immerhin, ein Kurzporträt über die Gründung und Gründer Eliot Higgins - von seinen Kritikern mit dem Kompliment denunziert, er sei ein «kitchen expert on everything» - lockert die ernste Stimmung etwas auf. Denn worum es in dieser Dokumentation geht, ist durchaus seriös zu nehmen. Beispielsweise wird gezeigt, wie Autobombenanschläge täuschend echt gefälscht werden und wie arrivierte, unter Produktionsdruck stehende Pressehäuser und Depeschenagenturen diesem Filmmaterial auf den Leim gehen, weil sie sich gründliches Faktenchecking kaum mehr leisten können.

Bellingcat: Truth in a Post-Truth World bewegt sich so auch auf einer grundsätzlichen medientheoretischen Diskussion, die nochmals das A und O des post-faktischen Zeitalters ins Gedächtnis ruft, frei nach dem Motto: «Wenn etwas mein Weltbild bestätigt, hinterfrage ich es nicht». Jay Rosen und Claire Wardle geben dem Hirn da und dort philosophisches Futter, indem sie erläutern, wie das Publikum traditioneller Medien von eben diesen die Macht zur Wahrheitsbildung übernommen hat.

Somit porträtiert diese Dokumentation nicht nur die eindrückliche forensische Spurensuche bell¿ngcats, sondern begibt sich selbst auf eine Spurensuche nach der Wahrheit. Gibt man sich den dabei aufkommenden philosophischen Gedanken hin, gerät man durchaus auf einen Pfad, der einen bisweilen kirre zu machen droht. Im postdigitalen Zeitalter scheint es so etwas wie Wahrheit nicht mehr zu geben, weil alles Wahrheit sein kann. Doch der Film wirft auch wesentliche Fragen auf, um deren Beantwortung er einen Bogen macht. Warum kann man die traditionell zuständigen Institutionen die Arbeit nicht mehr machen lassen respektive warum benötigen sie bell¿ngcats Support? Wer garantiert die Glaubwürdigkeit der Open-Source-Quellen wie Facebook oder Google Earth; ja, basiert also bell¿ngcats Unabhängigkeit womöglich auch auf einem grossen Schwindel?

Was die Dokumentation empfindlich stört, ist ihre stilistische Machart. Der Puls wird auffällig künstlich hochgehalten. Klar, die drängenden Beats sollen nicht nur die Rasanz von Fast-Food-News-Konsumation, sondern auch den Druck, dem die Open-Source-Investigators ausgeliefert sind, versinnbildlichen, doch überfordern sie die Erzählung mit ihrem Tempo. Mehr Führung hätte dem Streifen da gut getan. Der Fokus liegt zwar klar auf der Arbeit bell¿ngcats, porträtiert sie aber wie durch einen zerbrochenen Spiegel; zerstückelt und verschoben, sodass sich einem ein Gesamtbild nur mangelhaft erschliesst.

/ arx