Bad Times at the El Royale (2018)

Bad Times at the El Royale (2018)

  1. ,
  2. 142 Minuten

Filmkritik: Check-in auf eigene Gefahr.

Hallo, wir möchten gerne einchecken?
Hallo, wir möchten gerne einchecken?

Mitten auf der Grenze zwischen den zwei Bundesstaaten Nevada und Kalifornien steht das heruntergekommene Hotel El Royale. Vor zehn Jahren war das Hotel eine Oase und Treffpunkt für Gambler und Ganoven. Heute ist vom Glanz und der dunklen Vergangenheit nur noch wenig übrig geblieben. Dies bemerken auch der Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), die Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und der vermeintliche Gentleman Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm), die allesamt in der Lobby warten und gerne einchecken würden.

Best Shirtless Moment Ever
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Als nach einiger Zeit Miles (Lewis Pullman) der Concierge und einziger Mitarbeiter des El Royale, auftaucht, streiten sich die Gäste bereits um die besten Zimmer. Auch Emily Summerspring (Dakota Johnson), die etwas später eintrifft, hat genaue Vorstellungen von der Lage ihres Zimmers. Leicht überfordert und angespannt versucht Miles jeden einzelnen Gast zufriedenzustellen. In ihren Zimmern angekommen, entledigt sich jeder seiner aufgesetzten Maske und macht sich an die Arbeit. Jeder hat seine eigenen Gründe, hier zu sein. Doch das El Royale lüftet jedes Geheimnis.

Tarantino meets Agatha Christie: Der düstere und unglaublich atmosphärische Bad Times at the El Royale punktet mit toll ausgearbeiteten Figuren und wunderbaren Dialogen. Auch wenn die ganz grossen Twists ausbleiben, gibt es viele kleine, feine Wendungen, die diesen schrillen Thriller äusserst sehenswert machen. Wer hier eincheckt, wird königlich unterhalten.

Seit Reservoir Dogs und Pulp Fiction liest man in fast jeder Kritik zu einem Film, in dem coole Charaktere sich lange miteinander unterhalten, das dies schon sehr "tarantino-esque" sei. Leider folgt dann oft der Satz, dass das Gezeigte nicht an die Vorbilder herankäme. Immer wieder verbrennen sich Regisseure und Drehbuchautoren da die Finger. Drew Goddard ist dies mit seinem höllisch unterhaltsamen, bösen, einwandfrei geschriebenen Bad Times at the El Royale zum Glück nicht passiert.

Goddards zweite Regiearbeit - nach der genialen Horrorfilm-Parodie Cabin in the Woods - lebt dabei vom Nichtwissen des Zuschauers. Am besten gar nicht zu viel im Vornerein darüber lesen und/oder schauen. Das grosse Twist-Fest sollte jedoch nicht erwartet werden. Zwar besitzt der Film einige Wendungen, doch verzückt er mehr mit seinen sauber gezeichneten Figuren. Jeff Bridges und Co. kriegen hier wunderbare Dialoge in den Mund gelegt. Es macht richtig Freude, diesen Charakteren zuzuschauen, die sich auch mal hinsetzen und Gespräche über Vergebung führen. Obwohl dann auch zu Flashbacks gegriffen wird, bleibt der Film stets fokussiert. Zwar sind nicht alle Rückblenden gleich spannend und einige bremsen die Haupthandlung ein bisschen aus, doch stört dies das Gesamtbild keinesfalls. Für das ist der Film auch dank der Kamerarbeit von Seamus McGarvey (Godzilla, Nocturnal Animals) und dem Score von Michael Giacchino (Up, Star Trek) viel zu atmosphärisch und packend. Zudem ist der Soundtrack, der hauptsächlich von einer in der Lobby stehenden Jukebox kommt, einfach der Killer.

Ein wenig zu kritisieren gilt es Goddards simples Storytelling. Einige Sequenzen sehen wir aus drei verschiedenen Perspektiven nacheinander - eine Möglichkeit wäre gewesen, sie zu kombinieren. Doch der Regisseur lässt sich nicht hetzen. Er stellt seine Figuren lieber zuerst alle sauber auf und arbeitet die einzelnen Erzähltstränge aus - es wird dabei wie bei Tarantino mit Kapiteln gearbeitet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Ganze 142 Minuten dauert. Doch die Rechnung geht auf - man will dann schon wissen, was mit jedem Einzelnen passiert. Spätestens wenn ein brillanter Chris Hemsworth als teuflischer Sektenheini auftritt, sind auch die kleinen Längen vergessen und vergeben - auch wenn die Hölle dann über die Figuren hineinbricht.

Ist Bad Times at the El Royale aufgrund Gerede über Teufel, Priester und Vergebung ein religiöser Film? Ist das Hotel vielleicht das Fegefeuer? Das könnte man schon so sehen - hineinzuinterpretieren gibt einiges. Auf jeden Fall ist es ein Streifen, den man nicht unbedingt in der Kirchengemeinde zeigen sollte - für das wird zu unschön geredet und gestorben. So werden nicht unbedingt Jesus-, sondern Tarantino-, Coen- und Agatha-Christie-Fans bei diesem dreckigen, coolen, knallharten und höllischen Vergnügen ihre Freude haben. Jetzt haben wir schon wieder "höllisch" gesagt. Bitte verzeiht uns. Denn Bad Times at the El Royale zieht ganz leicht in einen sündhaft gloriosen Bann, dem man sich nur schwer entziehen kann. Einer der besten Filme des Jahres.

/ crs

Kommentare Total: 5

philm

Muss mich leider jan und muri anschliessen. Zu lange nicht viel los... Und zu oberflächlich auf die Vorgeschichten eingegangen.
3.5

solanumnigrum

Ich kann den vorgängigen Kommentaren nur zustimmen. Die Geschichte lässt vor allem im zweiten Teil des Films etwas zu wünschen übrig.

Die Charaktere sind zu Beginn sehr geheimnisvoll. Man weiss zum Glück noch nicht, in welchen Bereich sich der Plot bewegt. John Hamm hat diesen Film mit seiner Coolness und seinem Flair geprägt und macht den Film teilweise sehr sehenswert.

Enttäuscht bin ich von Chris Hemswort, Dakota Johnson und Cailee Spaeny (welche aber auch noch Jung ist und Zeit hat sich zu beweisen)

Positiv überrascht haben mich:
- Kostümdesign, Szenenbild und die Kulisse
- John Hamm
- Lewis Pullman (sogar sehr)
- Jeff Bridges (hat zwar auch schon besser gespielt, war aber gut.

4.5*

yan

Die Erwartungen ware nach "Cabin in the Woods" überdimensional. Drew Goddard schafft es zwar einen sehenswerten, stark geschriebenen Thriller auf die Leinwand zu zaubern, in dem die Figuren und das Setting alles sind. Doch leider hat Bad Times at the El Royale ein Problem: Ein Plot ist praktisch nicht vorhanden. Die feinen Wendungen, die tollen Charakteren, saugute Dialoge und unterschwelliger Tiefgang machen dies zwar etwas vergessen, doch gerade für die lange Spielzeit bekommt man etwas gar wenig Fleisch am Knochen. Der Vergleich mit Tarantino passt, auch wenn er dessen beste Arbeiten nicht erreicht.

4.5

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