Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? (2018)

Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? (2018)

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  2. 97 Minuten

Filmkritik: Leidmannsheil?

Der Wanderer über dem Nebelmeer
Der Wanderer über dem Nebelmeer © Ascot Elite

«Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen? Wem sprudelt der Becher des Lebens so reich? Beim Klange der Hörner im Grünen zu liegen, den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich», singt der Jägerchor in Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz». Doch das Vergnügen schwindet. Einst überlebenswichtigm ringt das Jagdwesen heute um Legitimität. Für die einen ist das Erschiessen von Tieren blosses Hobby, andere sehen die Jagd mit einem ökonomischen oder ökologischen Zweck verbunden.

Der verbotene Wald
Der verbotene Wald © Ascot Elite

Die Fauna steht unter einem enormen menschlichen Druck. Im südlichsten Bayern verharrt gerade ein Mann vor seinem erlegten Wild. Er hat den Hut gezogen, schaut es lange an, dann zückt er das Messer. Als er die Leber rausnimmt, kann er ein Schmunzeln nicht unterdrücken. «Dazu sind Apfelringe und Zwiebeln am besten», sagt er. Ein seltsames Gefühl überkommt einen, und man fragt sich mit Brechts Worten, ob wohl auch im Wald erst das Fressen und dann die Moral kommt.

Die Moral kommt auch auf den Hochsitzen, in denen die in Multifunktionskleider gepackten und mit scharfem Gewehr besteckten Jäger auf eine durstige Wildschweinrotte lauern, nicht zu kurz. Doch vor der global grassierenden Bigotterie, die das Mensch-Tier-Verhältnis umspannt, schützt auch das Blätterdach nicht. Dass einiges im Argen liegt und dringend Massnahmen gefordert sind, erschliesst diese solide Dokumentation aus Deutschland, die sowohl Jagdbefürworter als auch Jagdgegner zum Nachdenken über die eigene Position anregt.

Es sind Bilder und Stimmungen, die Regisseurin Alice Agneskircher präsentiert, wie man sie bestenfalls von Caspar David Friedrich kennt. Der Zauber, der von der Natur ausgeht, fasziniert und täuscht zugleich über deren unbarmherzige Gefahr hinweg. Nur geht heute die Gefahr vom Menschen aus. Im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, ist alles Kulturland, auch wenn dieses naturnah wirkt. Das Tier wird nur dort geduldet, wo es sich unserer Nutzung anpassen kann. Dieses Verhältnis zu beleuchten ist das Anliegen des Films, und er versucht, dies mit einem Panorama-Blick zu erfassen.

Schnell wird klar, dass Jäger nicht gleich Jäger ist. Jeder geht mit einer anderen Motivation in den Wald, in dessen frühmorgendlicher Ruhe der eine oder andere schnell mal ins Philosophieren kommt und mit Weitblick seinen Respekt für das Ökosystem und seine Zweifel an der Jagd äussert. Umso enttäuschender stellt man fest, dass es noch immer diejenigen gibt, die ohne Rücksicht und Erbarmen drauflosballern, ihr in sich verspürendes angeblich archaisches «männlich Verlangen», wie es im «Freischütz» heisst, befriedigen wollen. Für sie wohl existiert noch das alleinige «Jägervergnügen». Die verheerenden Folgen davon erläutert Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? für jedermann gut nachvollziehbar.

Im Jägervölkchen regt sich vor allem hinter vorgehaltener Hand Kritik am Jagdruck. Was nach aussen unter dem Begriff «Bestandesregulierung» verkauft wird, gilt intern als «Ausrottung» und ist Grund für die Vertreibung von Tierarten. Abschussquoten, politischer Druck und fehlender Respekt für die Tiere führt der Film als Hauptursachen für 2.3 Millionen Todesopfer in Deutschland an. «Wir müssen alles schiessen, was sich bewegt», klagt ein Berufsjäger, von «purem Raubbau» spricht ein anderer, als er die bei der jährlichen «Hegeschau» ausgestellten «Trophäen» betrachtet. Die eklatante Differenz zwischen Gesetz und Praxis zeigt sich auch im Wald - die jährlich über 700 Millionen getöteten «Nutztiere» - pro Sekunde (!) werden 20 Hühner geschlachtet - Deutschlands können mehr als nur ein Lied davon singen.

Zwar streift der Film hauptsächlich mit den Jägern durch die Wälder, doch er ist der Aufhänger für ein grundsätzliches Nachdenken über das Mensch-Tier-Verhältnis. Stand der Mensch einst im direkten Überlebenskampf mit dem Wolf, sind die Verhältnisse heute zwar klar, das Feindbild jedoch hat sich in den Köpfen gehalten. Diesem Wandel ist Auf der Jagd - Wem gehört die Natur? auf der Spur. Mitunter greift er etwas weit aus und hat dementsprechend Mühe, diese Versatzstücke miteinander in Zusammenhang zu bringen. Er porträtiert, lässt den Gedanken freien Lauf und schafft ein erhellendes Porträt, das seine Gültigkeit nicht nur im Landkreis Miesbach hat. Der Lebensraum der Tiere verschwindet, und auch wenn er die Frage nicht beantwortet, so verleiht er ihr doch wieder Aktualität: «Wem gehört die Natur?»

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Deutsch, 01:47