American Dharma (2018)

American Dharma (2018)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: Welcome to hell

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018
Mr. Populism
Mr. Populism © Studio / Produzent

Stephen Bannon zog während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 hinter den Kulissen die Strippen und trug mit zu Donald Trumps Sieg bei. Nach einem kurzen Einsatz als Chefstratege im Weissen Haus trennten sich Bannons und Trumps Wege jedoch schnell. Jetzt hat sich der Mitbegründer von «Breitbart News» ein neues Ziel gesteckt: den Populismus in Europa zu stärken.

Wie in seinen Dokumentarfilmen The Fog of War und The Unknown Known richtet Errol Morris erneut den Blick auf eine kontroverse Figur der amerikanischen Politik. Im Einzelgespräch mit Stephen Bannon möchte der Regisseur ergründen, wie sein Gegenüber tickt. Zwar gelingt es ihm, den bekennenden Populisten einige Male aus der Reserve zu locken, Bannon entgleitet aber nie die Kontrolle über das Gespräch. Das ist interessant und beängstigend zugleich mitanzuschauen. American Dharma ist mit Vorsicht zu geniessen.

Für sein neuestes Werk erntete Errol Morris bereits im Vorfeld viel Kritik. Darf man mit einer Person wie Stephen Bannon überhaupt sprechen? Morris ist der Ansicht, dass es gefährlicher ist, diesen Mann zu ignorieren, als sich mit ihm auseinanderzusetzen. In American Dharma begegnet er Bannon auf Augenhöhe und verzichtet diesmal auf seine gut erprobte Interrotron-Kamera.

Das Setting des Interviews, ein leerer Hangar, ist dem Film Twelve O'Clock High nachempfunden, der zu Bannons Lieblingsstreifen gehört. Sie sprechen über diesen und weitere Filme genauso wie über seine Zeit als Investmentbanker, seine Gehversuche im Filmgeschäft, die Gründung von Breitbart News und natürlich Trump. Immer wieder werden Schlagzeilen, Bilder aus den Medien und Social-Media-Posts Bannons Aussagen entgegengesetzt. Die Musik schwellt unheilvoll an, als verkündete sie eine nahende Katastrophe. Zwischendurch brennt eine amerikanische Flagge, später der ganze Hangar.

Mit seiner Dokumentation möchte Morris sein Subjekt verstehen lernen. Vor allem wird in American Dharma deutlich, wie intelligent und manipulativ Bannon ist. Zeitweilig wirkt der Film wie «Stephen's Greatest Hits», so stolz spricht er über seine Kampagnenstrategien und die Schlammschlacht gegen die Clintons. Das Resultat dieses Gespräches liegt irgendwo zwischen Insider-Story und Selbstbeweihräucherung.

Ab und an gelingt es Morris, Bannon bei seinen Lügen zu ertappen. Zum Beispiel wenn sie auf die Vorfälle in Charlottesville 2017 zu sprechen kommen. Bannon distanziert sich von den Neonazis. Die "liberal media" seien Schuld am Erstarken der Gruppierung in den USA. Sachlich begründen kann er diese Aussage nicht. Zwischendurch beschwört er einen Bürgerkrieg herauf, vom dem er selbst nicht zu wissen scheint, wo er hinführen soll. In diesen Moment lässt Morris seinen Interviewpartner allerdings (zu) schnell vom Haken, um zum nächsten Thema überzugehen.

Als Morris preisgibt, dass er Angst vor Bannon hat, nimmt dieser dies mit einem zufriedenen Schweigen hin. Er hat die Oberhand in diesem Gespräch. "Lieber in der Hölle regieren als im Himmel dienen?", zitiert Morris schliesslich den Satan aus John Miltons «Das verlorene Paradies». Bannon grinst. Das sei eines seiner Lieblingszitate. Genug gesagt.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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