America (2018)

America (2018)

  1. 82 Minuten

Filmkritik: We hunt you!

14. Zurich Film Festival 2018
«Ihr Europäer werdet das nie verstehen!»
«Ihr Europäer werdet das nie verstehen!» © Studio / Produzent

Herbst 2016. Eine kleine Stadt in Arizona wählt ihren neuen US-Präsidenten. Weit genug weg vom sozialen und wirtschaftlichen Chaos, um nicht täglich damit belastet zu werden und trotzdem nahe genug daran, um den immer kühler wehenden politischen Wind zu spüren, sind die seine Bewohner geeint unentschlossen. Hillary? Eine Katastrophe. Trump? Auch eine Katastrophe. Dann hört man eine auf heiser getrimmte Stimme: «The american dream is dead!» Ist das die Stimme ihres neuen Schirmherren?

Nun, wenn die Menschen in diesem Kaff mitten in den weitläufigen Canyons gelegen etwas wissen, dann dass auf Schirmherren kein Verlass ist. Die Polizei ist zu weit weg, um bei Gefahr rechtzeitig eingreifen zu können, weswegen sie ihre Probleme selbst lösen. Darum ist ihnen der zweite Zusatzartikel in ihrer Verfassung heilig; er erlaubt ihnen, Schusswaffen zu besitzen. Zwischen Schrottautos und Plastikeseln pflegen sie ihre «Toys», geben ihnen Kosenamen wie «Black Beauty» und bekommen feuchte Augen, wenn sie den Hersteller nennen. Irgendwo abseits zerlegen zwei Männer einen Hirsch. «Now, this is what we do for fun», grinsen sie auf den Stockzähnen. Will America ever be great again?

Seitdem sich Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten gemacht hat, vergeht kein Tag ohne Abgesang auf die USA. In der breiten Masse an sozial diagnostischen Essays schwingt diese französische Dokumentation auch nicht oben aus. Die auf dem Silbertablett angebotenen Themen Patriotismus und Waffenrecht sind die Schwerpunkte dieses durchschnittlichen Films. Wie nebenbei gelingt es ihm aber, fundamentale amerikanische Widersprüche in dieser «Community of gun enthusiasts» aufzuzeigen, während drumherum von alltäglich Geliefertem schwadroniert wird.

Wie einst die europäischen Siedler durch den amerikanischen Kontinent tastet sich auch dieser Film durch das Ungewisse voran in der Hoffnung, der grossen Sinnfindung ein Stück näher zu kommen. Doch auch aus der Retrospektive gelingt das nicht. America fühlt kurz vor den Wahlen 2016 den Puls in einer Kleinstadt, deren Bewohner ihre ganz eigenen Probleme plagen und notgedrungen Trump wählen, um weiterhin mit diesen Problemen alleine fertig werden zu können. Waffen, Vaterland und der New Yorker Mogul sind die prägenden Themen der Doku, die vieles anschneidet, aber nichts zu Ende führt.

Es sind Bilder und Stimmen, wie man sie aus jedem US-Bundesstaat bekommt - und auch schon in x-facher Ausführung bekommen hat. Es wird fleissig am Stereotyp des mosernden, immer eine Bierbüchse in Griffweite habenden Amis gebastelt, der nicht vom staatskritischen Lamento wegkommt. «Because - excuse my English - we live in hell!», resümiert ein Bewohner die Lage. In solchen Statements wird subtil vernichtende Kritik an der Weltmacht transportiert. Denn wohlgemerkt, dessen Sprache ist «English», nicht «American». Der Slogan «Make America native again», der auf einem Pfeiler prangt, zieht den ähnlich argumentierenden Amerikanern mit germanischem und slawischem Nachnamen den Boden unter den Füssen weg und führt zu einem beklagenswerten Fazit über das amerikanische Staatsbild.

Für den Aspekt der Selbstverteidigung nimmt sich der Film bei seiner Diagnose viel Zeit und zwischenzeitlich prangert man den Amerikaner nicht mehr so stark für seinen Waffenbesitz an. Doch sogleich fragt man sich, warum er zur Selbstverteidigung Dutzende Gewehre in einer Scheune stehen hat. Auch hier überrollen einen die typisch amerikanischen Widersprüche, die auf den ersten Blick gar nicht als solche wirken, wohl gerade deswegen weil der Amerikaner so offen mit ihnen umgeht. Die Sensibilisierung für diese Mechanismen ist der Mehrwert, der man an diesem an prickelnden Momenten sparsamen Film generiert. Einer davon stellt sich ein, als Trumps Geschrei mit Staubsaugergeräuschen gleichgesetzt wird. God bless America and good Night.

/ arx