Adam und Evelyn (2018)

Adam und Evelyn (2018)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: DDR - eine Sommeridylle

14. Zurich Film Festival 2018
Mann fleissig, Frau faul. So geht Emanzipation!
Mann fleissig, Frau faul. So geht Emanzipation!

Ostdeutschland, im Sommer 1989: Adam (Florian Teichtmeister) heisst eigentlich Lutz und ist Damenschneider. Seine Kundinnen bewundern nicht nur seine Fingerfertigkeit beim Nähen, sondern posieren nur zu gerne hüllenlos vor seiner Kamera. Seine Freundin Evelyn (Anne Kanis) findet das nicht so richtig toll. Als sie ihn eines Tages mit einer Kundin in verfänglicher Pose ertappt, ist es genug. Zusammen mit ihrer Freundin Simone (Christin Alexandrow) reist sie kurzerhand alleine in die Ferien nach Ungarn, wo sie deren Freund Michael (Milian Zerzawy) aus Westdeutschland treffen.

Gemüse fürs Gemüt
Gemüse fürs Gemüt

Adam seinerseits merkt, dass er irgendwie doch nicht ohne Evelyn sein kann und reist ihr nach. Unterwegs trifft er eine Unbekannte (Lena Lauzemis), die er im Kofferraum seines geliebten Oldtimers über die Grenze schmuggelt. Evelyn ihrerseits spannt in Zwischenzeit ihrer Freundin den Lover aus, wonach diese entsetzt abreist. Mitten im munteren Gebalze erreicht die jungen Menschen die Nachricht, dass Ungarn die Grenzen gen Westen geöffnet hat. Für Evelyn ist klar: Diese Chance muss genutzt werden, es winkt die grosse Freiheit.

Mit feinem Gespür für Stimmungen und kleine Details inszeniert der Regisseur Andreas Goldstein diese Liebesromanze aus der DDR im Jahr 1989. Ganz weit weg scheinen da die Schrecken des totalitären Regimes von anno dazumal. Leider ist die knapp erzählte Geschichte mit ihren lebensfremden Charakteren mindestens so bröcklig, wie es zu diesem Zeitpunkt die Berliner Mauer schon gewesen sein muss.

Gegen Ende des Filmes kommt dieser Moment, in dem die Protagonistin von Adam und Evelyn die ganze bisherige Filmhandlung nochmals zusammenfasst, als sie die Umstände ihrer Flucht einem Beamten erzählen muss. Dieser dramaturgische Kniff hilft auch den Zuschauern, die seltsamen Wendungen zu rekapitulieren: Man hat also nichts verschlafen oder falsch verstanden, das ist tatsächlich so passiert. Der ungläubige Blick des Beamten gleicht demnach in ungefähr dem der Zuschauer während der vorangehenden Filmstunde.

Denn die Erzählweise von Andreas Goldsteins Film ist, nun ja, eher rudimentär gehalten. Wäre es eine Zeichnung, würde man sagen: Nicht überall fertig ausgemalt. Ein wenig erinnert diese Technik an das kleine Filmjuwel Cold War von Pawel Pavlikovsky. Leider ist Goldsteins minimalistische Erzählart nicht ganz so virtuos wie die seines polnischen Kollegen. Die Gefühlspirouetten der Charaktere wirken weder besonders glaubhaft noch lebensecht. Von der einen Sekunde zur nächsten knuspert da die Hauptdarstellerin mit Adam, dann mit Michael und schliesslich wieder mit Adam rum. Wie war das eben nochmals? Gut, dass wir nachher alles nochmals zusammengefasst kriegen.

Was der Film jedoch wunderbar hinkriegt, ist die Stimmung. Beinahe idyllisch und mit einem Schuss Melancholie inszeniert Goldstein die DDR in diesem geschichtsträchtigen Sommer 1989, das Zirpen der Grillen und Zwitschern der Vögel sind der vorwiegende Soundtrack. Fast schon wie ein Paradies scheint in diesen Momenten der totalitäre Staat. Moment, Paradies, war da nicht was? Ah ja, man rufe sich den Filmtitel in Erinnerung! Und es ist auch ganz bestimmt kein Zufall, dass der Jahrgang sowohl der Protagonisten als auch von Adams Oldtimer im Film zur Sprache kommen: 1961 - das Jahr, in dem die Berliner Mauer errichtet wurde. Da darf man nun allerlei hineininterpretieren.

Etwas aufdringlich ist diese Symbolik zum Mitschreiben zwar schon, dennoch bleibt der Film zumindest audiovisuell ein Genuss. Wären es nur etwas greifbarere Charaktere, die in dieser ostalgischen Welt herumwandeln. So jedoch scheint die ganze Geschichte wie durch ein Milchglas hindurchzuschimmern. Da passt auch die Whatever-Szene, mit der der Film die Zuschauer etwas ratlos zurück ins Jahr 2018 entlässt.

/ ebe