22 July (2018)

22 July (2018)

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  3. 133 Minuten

Filmkritik: Zu viel des Bösen

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018
Vilja und Torje suchen Schutz
Vilja und Torje suchen Schutz © Studio / Produzent

Am 22. Juli 2011 zündet Anders Breivik (Anders Danielsen Lie) in Oslo eine Autobombe. Kurz darauf eröffnet er auf der Insel Utøya Feuer auf die Teilnehmer eines Sommercamps. 77 Menschen sterben an diesem Tag, Hunderte werden verletzt. Die meisten von ihnen sind Jugendliche. Zu den Überlebenden des Amoklaufes gehört Viljar (Jonas Strand Gravli), der mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wird und nur dank einer Notoperation überlebt.

Ruhe bewahren
Ruhe bewahren © Studio / Produzent

Breivik aber empfindet keine Reue für seine Tat. Stattdessen sieht er sich als Teil einer Revolution und behauptet, dass weitere Anschläge folgen werden. Während er auf seinen Prozessbeginn wartet, versuchen Viljar, die anderen Opfer und ihre Angehörigen mit dem Trauma des Erlebten zurechtzukommen. Eine ganze Nation steht unter Schock.

22 July ist nach Utøya 22. juli bereits der zweite Film in diesem Jahr, der sich mit den terroristischen Anschlägen in Norwegen auseinandersetzt. Auch Paul Greengrass mutet den Zuschauern in seinem erschütternden Dokudrama einiges zu. Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Film zu diesem Thema geben sollte. Vor allem aber richtet der Film die Aufmerksamkeit auf eine Person, die keine verdient hätte: den Attentäter. Nichtsdestotrotz entlässt Greengrass die Zuschauer mit einer starken Botschaft aus diesem tief emotionalen Film.

Basierend auf der Biografie "One of Us" von Åsne Seierstad erzählt Paul Greengrass die Geschichte der Anschläge und deren Folgen für Opfer und Angehörige. Der Regisseur, der bereits mit United 93, Captain Phillips und Bloody Sunday wahre Ereignisse auf die Leinwand brachte, arbeitet hier mit einem komplett norwegischen Cast, gesprochen wird allerdings Englisch.

Der Film beginnt mit den Anschlägen selbst. Im Stile eines Thrillers, begleitet vom bebendem Soundtrack, führt Breivik seinen Plan mit emotionaler Kälte und Präzision aus, bei der einem übel wird. Zwar beschränkt 22 July Close-ups der Opfer auf wenige Momente, dennoch ist das Grauen der Ereignisse auf Utøya in jeder Einstellung zu spüren. Das Wissen um den realen Hintergrund macht diese Szenen fast unerträglich. Im Gegensatz zu Erik Poppes Utøya 22. juli lässt Greengrass die Zuschauer aber nicht mit dieser sinnlosen Tat im Kinosaal zurück.

Was folgt, ist ein Drama, das die Nachwirkungen aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet und versucht, Antworten zu finden. Zum einen ist da Viljar (exzellent gespielt von Jonas Strand Gravli), der körperlich und seelisch von den Anschlägen gezeichnet ist. Hinzu kommt der Strafverteidiger Geir Lippestad (Jon Øigarden), der den meistgehassten Mann Norwegens vertreten soll, obwohl seine eigenen Kinder selbst einst das Sommercamp besuchten. Währenddessen ruft Ministerpräsident Stoltenberg (Ola G. Furuseth) die Bevölkerung zur Ruhe auf und appelliert an deren demokratischen Werte.

Und dann ist da natürlich Breivik, der keine Reue zeigt und allein darauf erpicht ist, seine rechtsradikalen Ansichten zu verbreiten. Anders Danielsen Lie treibt den Zuschauern als Breivik die Gänsehaut auf den Leib. Dessen Meinung zur Einwanderungspolitik klingt erschreckend oft nach jener, die dieser Tage von einigen Populisten westlicher Nationen geäussert werden. 22 July hat damit eine enorme Aktualität.

Zugleich ist dies die Krux des Films. Eine Person, die es nicht einmal verdient hätte, beim Namen genannt zu werden, wird hier zum Protagonisten einer internationalen Filmproduktion. Anders Breivik bekommt eine Präsentationsfläche, die er sich vor sieben Jahren nicht hätte erträumen können: Netflix. Auf der einen Seite appelliert 22 July also an demokratische Werte und Zusammenhalt. Auf der anderen Seite gibt der Film einem Massenmörder ein Sprachrohr, das er nicht verdient hat. Ob die Zuschauer ihm diese Plattform zusprechen möchten, müssen sie letztlich selbst entscheiden.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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Kommentare Total: 2

yan

Fast zweieinhalb Stunden beschäftigt sich Paul Greengrass mit dem Attentat in Oslo und Utøya und daher auch mit Anders Breivik, dem Attentäter. 22. July ist ein typisch dokumentarisch eingefangenes Drama einer wahren Geschichte. Nach 45 Minuten Spielzeit ist der brutale Überlebenskampf auf der kleinen Insel vorbei und die Anspannung legt sich. Danach beschäftigt sich Greengrass mit Breivik, den Opfern und dem Gerichtsfall.

Ein erschütternder, wenn auch etwas manipulativer Film, der unverständlicherweise mit Breivik beginnt und mit ihm endet.

swo

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