The 15:17 to Paris (2018)

The 15:17 to Paris (2018)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Paris kann warten

Bier - das Frühstück der Champions!
Bier - das Frühstück der Champions! © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Spencer (Spencer Stone), Alek (Alek Skarlatos) und Anthony (Anthony Sadler) sind schon seit der Schulzeit beste Freunde. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit im Büro des Direktors und spielten im Wald mit Spielzeugwaffen Krieg. Ihre jugendliche Begeisterung für das Militär nimmt bei Spencer und Alek auch Einfluss auf ihre berufliche Laufbahn. Bei der Air Force und der Nationalgarde verteidigen sie Amerikas Werte in der Welt.

Wenn du kei Billet debi hesch...
Wenn du kei Billet debi hesch... © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Für die Ferien lassen die beiden Soldaten allerdings ihre Gewehre im Schrank. Von Italien aus beginnen die Freunde einen Trip durch ganz Europa. Nur bewaffnet mit einem Selfie-Stick erkunden sie berühmte Denkmäler, Brauhäuser und Nachtklubs. Als Höhepunkt ihrer Reise steht Paris auf dem Plan, dorthin ist es nicht weit mit dem Schnellzug von Amsterdam. Es ist allerdings keine normale Zugfahrt an jenem 21. August 2015. Ein schwer bewaffneter Attentäter hat einen Anschlag auf den Thalys-Zug 9364 geplant.

The 15:17 to Paris zeigt uns den couragierten Einsatz von Männern, die mit ihren Handlungen höchstwahrscheinlich zahlreiche Leben gerettet haben. Der Thriller im Schnellzug nimmt aber nur einen Bruchteil der Handlung ein. Der Rest ist eine Mischung aus persönlichem Drama und unbesorgter Abenteuerreise. Spannend oder interessant wird es nie, wenn wir den völlig talentfreien Spencer Stone durch sein Leben begleiten. Zu den amateurhaften Schauspieleinlagen gesellen sich völlig absurde Alltagsdialoge, die fast unfreiwillig witzig wirken. Religion und Militär sind dabei überdeutlich vertreten.

Clint Eastwood erzählt Geschichten über Amerika - ein in weiten Teilen immer noch tief religiöses Land, dass eine enge Verbindung zu seinem Militär pflegt. Es sind auch diese beiden grossen Themen, die Eastwood in der Spätphase seiner Regiekarriere beschäftigen. Anhand von wahren Geschichten und echten Menschen zeigt er uns sein Verständnis von Heldentum. Nun gibt es viele Biografien über berühmte Persönlichkeiten und fast alle zeigen uns bekannte Schauspieler in den Hauptrollen. Eastwood geht in seinem The 15:17 to Paris aber noch einen Schritt weiter und zeigt uns die echten Personen in einer Dramatisierung ihres eigenen Lebens.

Schon mit dem ersten Voice-over zu Beginn des Films wird klar, dass an Spencer Stone kein Schauspieler verloren gegangen ist. Der betonungslose Monolog klärt über die Freundschaft der drei Hauptfiguren auf und schickt uns zurück in ihre Kindheit. Hier führen enttäuschte Lehrer Gespräche mit enttäuschten Müttern über Gott und ihre Kinder. Es sind typische Schulsituationen, die vor allem die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Protagonisten und ihre Vorliebe für das Militär behandeln. Nicht etwa den Mangel an Vaterfiguren oder das Kindsein an sich. Zumindest hält der Film hier dank der Kinderdarsteller und Judy Greer als Mutter noch einen gewissen filmischen Standard.

The 15:17 to Paris ist ein Biopic über normale Menschen, und normale Menschen sind leider meist langweilig. Wenn Spencer und Anthony auf der Couch sitzen und sich unterhalten, während im Fernsehen Football läuft, bekommt man Dialoge, die an einen Dramakurs der 7. Klasse erinnern. Belanglose Floskeln und überdeutliche Botschaften zum Vorantreiben der Handlung lassen einen an vielen Dingen zweifeln, aber vor allem am Drehbuch. Wenn Spencer Stone seinen Mund öffnet, bekommt man das Gefühl, dass Kultregisseur Tommy Wiseau (The Room) sich an ein neues Genre gewagt hat. Was nützen einem Spielfilm die echten Personen, wenn diese keine Ausstrahlung haben und jegliches Talent für die Schauspielerei vermissen lassen?

Inklusive der ersten Szene weist der Film vier Mal auf die titelgebende Zugfahrt hin, bevor es am Ende endlich so weit ist. Bis dahin erlebt man jede Menge europäischer Klischees. Die italienische Hotelangestellte wird sexualisiert und in Deutschland gibt es Bier und Nazis - ein typischer Trip durch Europa eben. Spass hatten hier aber wohl auch nur die drei Freunde aus Sacramento. Während wir nach etwas über einer Stunde alles über die Protagonisten wissen, bleibt der Attentäter wortlos, namenlos und fast gesichtslos. Ein böse blickender Araber mit Kalaschnikow spricht für sich und für Eastwood.

The 15:17 to Paris will uns die Geschichte von echten Helden näher bringen. Die meiste Zeit seiner 94 Minuten Laufzeit langweilt er die Zuschauer allerdings mit teils absurden Szenen über Gott, die US-Streitkräfte und die Welt. Es fehlen nicht nur richtige Schauspieler, es mangelt dem Film an allen Ecken und Enden. Und es passt ins Bild, dass sogar der eigentliche Anschlag filmisch wenig überzeugt.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Kommentare Total: 4

andycolette

Film ist sehr gut wie alles das Clint Eastwood anfasst die schlechten Kritiken oder User Kommentare kann man problemlos ignorieren die haben keine Ahnung ! 15:17 to Paris ist ein Superfilm der Film zeigt wie sich mutige Menschen mit Zivilcourage verhalten !!

yan

Ganz so schlecht, wie in der Kritik geschrieben, sind die Leistungen der "Schauspieler" nicht. Sie sind zwar nicht besonders gut, aber dafür, dass sie sonst nicht vor der Kamera stehen, drückt man gerne ein Auge zu. Ich sehe das Problem des Films woanders: 15:17 to Paris hat genau 15 Minuten, die etwas Spannung versprechen, der Rest ist Leerlauf und nicht erwähnenswert.

Viel "American Bullshit" und ein in die Länge gezogener und flach inszenierter Roadtrip lohnen sich schlicht zu wenig, um bis zum ansprechenden Ende durchzuhalten.

sma

Filmkritik: Paris kann warten

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