Zama (2017)

Zama (2017)

  1. , ,
  2. 115 Minuten

Filmkritik: Auf der Suche nach einem Feind am Ende der Welt

"Vielleicht kann ich nach Spanien schwimmen?"
"Vielleicht kann ich nach Spanien schwimmen?" © trigon-film

Südamerika, Ende des 18. Jahrhunderts: Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) ist der Stellvertreter des Gouverneurs in einer abgelegenen spanischen Kolonie. Schon seit vielen Jahren dient der Amtmann dort treu der spanischen Krone. Während er auf seine Versetzung aus der Provinz nach Buenos Aires wartet, übermannt ihn die Sehnsucht nach der Heimat. Und dies, obwohl seine Kinder bereits erwachsen sind und seine Frau seit Monaten nicht mehr auf seine Briefe geantwortet hat.

Dem Bösewicht auf der Spur
Dem Bösewicht auf der Spur © trigon-film

Wenig Trost spendet ihm die Gesellschaft der feinen Dame Luciana Piñares de Luenga (Lola Dueñas), die sich zwar auch nach der Grossstadt sehnt, aber sonst wenig Interesse an de Zama selbst zeigt. Er wird begrüsst mit wohlklingenden Titeln, aber sein Ansehen am Ende der Welt hat ebenso stark gelitten wie sein Selbstbewusstsein. Und dann ist da auch noch der berüchtigte Verbrecher Vicuña Porto, der eine immerwährende Gefahr für die Kolonie darstellt. Wenn de Zama ihn endlich fangen könnte, müsste der König dann nicht seine Wünsche erfüllen?

Zama ist ein voyeuristischer Film über die Kolonialisierung Südamerikas. Die Leidensgeschichte der Hauptfigur wird zu einer surrealistischen Reise auf der Suche nach dem letzten bisschen Hoffnung und einem fiktiven Feind. Die wunderschönen Bilder stehen im Kontrast zur verstörenden Tongestaltung. Die Provinz wird hier für Don Diego zu einer Vorhölle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

9000 Kilometer trennen Diego de Zama von seiner Heimat - einem Ort, an dem er für seine Stellung im königlichen Dienst respektiert wird, wo seine Frau und seine Kinder auf ihn warten. Stattdessen muss er sich immer noch mit Ureinwohnern und Kolonialisten in der südamerikanischen Provinz herumschlagen. Doktor, Gott und Tatenmensch nennen sie ihn, Worte, die hier jegliche Bedeutung verloren haben und nur noch wie Hohn wirken. Mit jedem Tag schwindet sein Einfluss, wird seine Rückkehr zum alten Kontinent unwahrscheinlicher. In seiner Freizeit beobachtet Don Diego die Frauen, sowohl die feinen Damen aus Europa als auch die Einheimischen, der Spanier als Spanner. Aber auch sie schenken ihm nichts, keine Anerkennung, keine Zuneigung und schon gar keine Liebe.

Im Historiendrama der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel geht es um die mächtigen weissen Männer, die die Welt erobert haben - und wie sie daran zerbrochen sind. Diego de Zama ist kein Held. Vom einst stolzen Pionier ist nicht mehr viel übrig geblieben, und auf eine Art wird er hier für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Die Kolonialherrschaft der Spanier steht vor einem grossen Einschnitt, nur akzeptieren will es niemand. Sklaven kaufen sich frei, Indios fordern ihren Besitz zurück und die Versorgung durch das Heimatland lässt immer weiter nach. Und trotzdem tragen die Spanier noch ihren teuren Kleider und Perücken, versuchen um jeden Preis ihre Kultur und ihre Dekadenz zu bewahren. Es sind die Gegensätze zwischen Wunsch und Realität, die auch Don Diego langsam verzweifeln lassen.

Die ruhige Kameraarbeit von Rui Poças zeigt uns die wunderschönen Naturlandschaften von Paraguay, fängt de Zamas Voyeurismus ein und sorgt sogar für Lacher, wenn plötzlich ein Lama die wichtigste Rolle in einer Szene zu spielen scheint. Überhaupt geling es dem Film auf eine amüsante Art, seinen Protagonisten blosszustellen, ohne ihn ins Lächerliche zu ziehen. Besonders die Tongestaltung überzeugt mit ihren Wechseln zwischen normalen und bizarren Hintergrundgeräuschen, die de Zamas Abenteuer in einen surrealistischen Albtraum zu verwandeln scheinen. Wir sehen die Verzweiflung in seinem Gesicht und hören fröhlich lockere Musik.

Zama ist ein beeindruckender Film über die Kolonialgeschichte Südamerikas. Ein aufwendig inszeniertes und durchdachtes Abenteuer, das nicht will, dass wir mit seiner Titelfigur mitleiden. Rollenbilder werden hier zerstört und wieder neu zusammengesetzt. Grosse Namen sind am Ende der Welt nicht mehr als Schall und Rauch. Und Don Diego de Zama jagt nur noch Phantomen nach.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Twitter
  4. Letterboxd
  5. Website

Trailer Spanisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:48