Wonderstruck (2017)

Wonderstruck (2017)

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  2. 116 Minuten

Filmkritik: Auf taube Ohren stossen

70e Festival de Cannes 2017
It don't matter if you're black or white.
It don't matter if you're black or white. © Pathé Films AG

1977: Seit dem Tod seiner Mutter Elaine (Michelle Williams) lebt der junge Ben (Oakes Fegley) bei seiner Tante und seinen Cousins. Als er eines Nachts in das alte Zimmer seiner Mutter schleicht und dort mit einem alten Telefon herumspielt, schlägt just in diesen Moment ein Blitz in das Haus ein, den Ben wegen der Telefonmuschel an seinem Ohr auch ein bisschen abbekommt. Als er im Krankenhaus zu sich kommt, hat er kein Gehör mehr.

It don't matter if you're in black and white.
It don't matter if you're in black and white. © Pathé Films AG

Ein Leben ohne Gehör lebte auch Rose (Millicent Simmonds) im Jahr 1927. Das taube Mädchen liebte es in Stummfilme zu gehen und wollte damals unbedingt die Schauspielerin Lillian Mayhew (Julianne Moore) treffen. So machte sie sich eines Tages mutig nach New York auf, um sie zu suchen. Ben und Rose: Neben der Gehörlosigkeit gibt es eine weitere Verbindung zwischen ihnen. Eine, von der Ben keine Ahnung hat, die er aber, als er sich auf die Suche nach einem verschwundenen Vater macht, bald erfahren wird.

Todd Haynes' Verfilmung des illustrierten Kinderbuches von Brian Selznick (Hugo) ist ein interessanter Mix aus Stumm- und Tonfilm, der durch den ständigen Wechsel zwischen den zwei Erzählformen ein paar Tempoprobleme hat. Die Story geht jedoch am Ende trotzdem zu Herzen. Ein mit viel Liebe zum Detail umgesetzter Film mit tollen Jungdarstellern und inszenatorischer Klasse.

Mit dem Plan selbst eigene Filme zu produzieren, haben die Streaming-Giganten Amazon Studios und Netflix nicht nur Totengräberstimmung bei Kinobesitzern hervorgerufen. Es gab namhaften Regisseuren auch die Chance, Filme umzusetzen, deren Realisation bei anderen Studios sicher schwieriger und mit mehr Kompromissen verbunden gewesen wäre. So kommt es, dass momentan Bong Joon Ho (Okja) und Martin Scorsese (The Irishman) von Netflix schwärmen, während Jim Jarmusch (Paterson) und Nicolas Winding Refn (The Neon Demon) die Freiheiten bei Amazon loben. Auch Todd Haynes hat sich für Wonderstruck mit Amazon zusammengetan und drehte einen Kinderfilm, der zur Hälfte ein Stummfilm ist. Ob ein Hollywood-Studio für die Finanzierung eines solches Projektes bereit gewesen wäre?

Mit Wonderstruck hat Haynes den zu Tränen rührenden Bestseller von Brian Selznick umgesetzt, von dem auch die Vorlage zu Martin Scorseses Hugo stammt. Erzählt wird die Geschichte im Buch wie auch im Film auf zwei Zeitebenen. Im Buch wird die 1920er-Geschichte aufgrund der Taubheit der dortigen Protagonistin Rose nur anhand von Bildern erzählt, während die 70s-Story von Ben in Schriftform daherkommt. Auf solche Erzählspielereien setzt auch die Verfilmung, was jedoch nicht ganz reibungslos abläuft.

Durch die Vorlage ist Haynes nämlich gezwungen, ständig zwischen den Storys und damit zwischen Stumm- (Rose) und Tonfilm (Ben) hin- und herzuspringen. Auch wenn sich die Storys ähneln, ist die Tonlage nicht dieselbe. Roses Part setzt auf Tricks der Stummfilmära wie aufbrausende Toneffekte, während Bens Geschichte mit Retro-Charme an Spielberg-Kinderfilme erinnert. Hat man sich an eine der Formen etwas gewöhnt, wird gleich wieder gewechselt. Es braucht dann immer ein paar Minuten, bis man selbst wieder "drin" ist.

Zu Herzen geht das Ganze aber trotzdem. Vor allem im letzten Drittel dürften bei vielen die Tränchen kullern, wenn die beiden Geschichten zusammengeführt werden. Grossen Anteil daran haben jedoch nicht die grossen Namen im Cast wie Julianne Moore und Michelle Williams, sondern die Jungdarsteller Oakes Fegley (Pete's Dragon) und die auch im echten Leben taube Millicent Simmonds. Sie schaffen es, dass man mit ihren Figuren mitfühlt, und so geht einem der Film dann auch nahe. Fans von Carol, dem letzten Werk von Todd Haynes, dürften etwas enttäuscht sein ab der Einfachheit des Ganzen. Doch Haynes beweist, dass er nicht nur Patricia-Highsmith-Romane mit viel Liebe zum Detail und höchst emotional auf die Leinwand bringen kann, sondern auch ein Kinderbuch. Danke Amazon, dass ihr dies möglich gemacht habt.

/ crs

Kommentare Total: 2

andycolette

So Bitter habe ich im Kino verpasst ein Kunststück solche Filme sieht man heute kaum noch ! Todd Haynes ist ein Genius das hat er schon mit Carol und far from Heaven bewiesen !!

crs

Filmkritik: Auf taube Ohren stossen

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