Wilde Maus (2017)

Wilde Maus (2017)

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  3. 103 Minuten

Filmkritik: Das Leben ist eine Achterbahn

67. Internationale Filmfestspiele Berlin 2017
"Ja, bist du deppert?!"
"Ja, bist du deppert?!" © Frenetic Films

Georg (Joseph Hader) ist Musikredakteur beim Wiener Express. Den Job macht er schon seit 25 Jahren, seine Kritiken sind geliebt und gefürchtet. Völlig überraschend wird ihm der Job gekündigt, und er steht da mit einem Schock. Mit seiner Jahre jüngeren Frau Johanna (Pia Hierzegger) mag er nicht reden, denn die hat den Kopf voll mit einem plötzlichen Kinderwunsch.

So ist es deutlich wärmer.
So ist es deutlich wärmer. © Frenetic Films

Also begibt er sich jeden Tag wie gewohnt zur Arbeit, zumindest seiner Frau gegenüber. Eigentlich sitzt er seine Zeit im Park ab, wo er zufällig auf seinen ehemaligen Mitschüler Erich (Georg Friedrich) trifft. Während er mit Erich am Wiederaufbau einer maroden Achterbahn, der "Wilden Maus", auf dem Wiener Prater arbeitet, sinnt er nebenbei auf Rache an seinem Ex-Chef. Aus kleinen Sachbeschädigungen werden schnell grössere Geschichten. Seine Frau befindet sich derweil ebenfalls in einer schwierigen Phase ihres Lebens und zweifelt an ihrem Job als Therapeutin. Beider Leben gerät zunehmend aus dem Lot, jedes auf seine Weise, und es ist nicht klar, ob beide noch einmal zueinander finden werden.

Das Regiedebüt des österreichischen Schauspielers Josef Hader ist eine gesellschaftskritische Satire über einen Mann, der abrupt aus seinem Leben gerissen wird und den Schicksalsschlag vor seiner Ehefrau verheimlicht. Versagensängste und private Abstiegsnöte stehen im Vordergrund dieser humorvollen Studie über ein bürgerliches Leben. Ungeahnte Eigenschaften eines Mannes kommen plötzlich zu Tage und zeigen die Zerrissenheit, mit der er plötzlich zu kämpfen hat.

So ist das also heutzutage, man ist zu alt und muss den Jüngeren Platz machen. Georg hätte nie damit gerechnet, als etablierter Musikkritiker und Journalist einfach vor die Tür gesetzt zu werden, weil er zu teuer ist und irgendwie auch nicht mehr recht in die zunehmend junge Redaktion passt. Ein Schock für den Mann, der sogar so tief sitzt, dass er sich seiner Frau nicht anvertrauen kann. Georg wird gespielt von Josef Hader, dem österreichischen Schauspieler und Kabarettisten, der mit Wilde Maus zudem auch sein Regiedebüt gibt.

Was macht Georg nun also mit all seiner plötzlichen Zeit? Er täuscht vor, zur Arbeit zu gehen und sitzt stattdessen im Park, fährt Kindereisenbahn und schmiedet Rachepläne an seinem Chef. Das ist wunderbar komisch anzusehen, wie Georg seinen kleinen Rachefeldzug startet. Pläne werden schnell in die Tat umgesetzt und nach erfolgreicher Umsetzung wird er immer forscher. Da sind Kratzer im Auto des Schuldigen noch harmlos.

Mit viel trockenem Humor erzählt Hader die Geschichte eines Gestrandeten, der in der Gesellschaft plötzlich keinen Platz mehr findet. Getrieben von Versagensangst, unglaublicher Wut, kindlichem Verhalten, Bockigkeit und Angst nicht gut genug zu sein für die Welt, landet Georg schliesslich mit einer Flasche Whisky und Schlaftabletten im Schnee. Eine der komischsten Szenen des Films und zugleich das beste Bild für einen verzweifelten Menschen.

Josef Haders Regiedebüt Wilde Maus ist komisch und dramatisch, gespickt mit viel trockenem Humor, nie überzogen, gesellschaftskritisch, aktuell und eine gelungene Studie über ein bürgerliches Leben, welches jäh aus dem Ruder gerät.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Gerd Jüttner

Wilde Maus startet am Donnerstag im Kino

Enge Kurven ohne Überhöhung, das Gefühl dabei aus der Kurve getragen zu werden, das ist die Wilde Maus auf Jahrmärkten und im Prater. Im gleichnamigen Film (Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller: Josef Hader) gerät Georg auf diese Lebens-Achterbahn. Dem schonungslosen Musikkritiker wird überraschend gekündigt, weil er in den Augen seines Chefredakteurs zu viel verdient. Georgs viel jüngere Frau, eine Therapeutin (Pia Hierzegger), möchte ein Kind von ihm. Die Kündigung wird verheimlicht, er treibt sich im Prater rum, stösst auf einen alten Schulkameraden (Georg Friedrich), der die Wilde Maus übernehmen will.
Der zornige Georg unternimmt Rachefeldzüge gegen seinen Ex-Chef (Jörg Hartmann) und seine bürgerliche Weltgerät in Schieflage, die auf einen Höhepunkt zusteuert. Wird es ihn am Ende noch aus der Kurve tragen?

Josef Hader hat einen Film realisiert, der seinen Zorn, seine Wut und seine sich immer stärkere depressive Einstellung in beindruckende Bilder umsetzt, die er mit langen Einstellungen mosaikhaftig zusammensetzt. Viele der vorliegenden Kritiken werden dem Film nicht gerecht, wenn er etwa beim RBB verurteilt wird, es sei "nicht gerade eine Empfehlung für weitere Filmprojwekte mit Hader als alleinigem Regisseur und Drehbuchautor." Weit gefehlt, ich hoffe auf Filme von und mit ihm, denn- wie auf der Bühne- spielt er nicht seine Rolle, er lebt und durchlebt sie und zwar mit einer grandiosen den Zuschauer fesselnden Einsatz. Bei aller Ruppigkeit und Boshaftigkeit ich finde diese groteske Geschichte sehenswert, sie beeindruckt mich wie sein Erstlingswerk "Indien" mit Alfred Dorfer. Nicht jeder muss Hader und seinen verbitterten und bitterbösen Film mögen, ansehen sollte man ihn auf jeden Fall. Zumal die Schlusssequenz eine tiefe filmische und gelungene Verbeugung vor Truffauts "Schiessen Sie auf den Pianisten" ist. Allein diese Bilder werden jedem Zuschauer in bleiben- und was will ein Film mehr? Chapeau Joesef Hader! (c) Gerd Jüttner


Wilde Maus ab Donnerstag, 9. in der Schweiz und in Deutschland

jst

Filmkritik: Das Leben ist eine Achterbahn

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Trailer Deutsch, 02:08