The Wife (2017/I)

The Wife (2017/I)

Die Frau des Nobelpreisträgers
  1. ,
  2. 100 Minuten

Filmkritik: Stockholm-Syndrom

13. Zurich Film Festival 2017
"Wir fahren nach Disneyland!"
"Wir fahren nach Disneyland!"

Ein Anruf am frühen Morgen reisst das Ehepaar Castleman aus seinem Schlaf. Es sind gute Neuigkeiten: Joe (Jonathan Pryce) hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen. Die Freude über die Anerkennung seines Lebenswerkes scheint grenzenlos. Ausgelassen hüpfen er und seine Frau Joan (Glenn Close) auf dem Ehebett. Nach dem Empfang von Freunden und Familie im eigenen Haus am Meer machen sich die beiden auf den Weg zur Preisverleihung nach Stockholm. Ebenfalls an Bord des Flugzeuges sind Sohn David (Max Irons) und der Castleman-Experte Nathaniel Bone (Christian Slater).

In Stockholm angekommen werden die Probleme der Familie Castleman deutlich. David wünscht sich als Autor die Anerkennung seines Vaters, Joan hat es satt, nur die Rolle der Ehefrau zu spielen, und Joe hat seine Libido mal wieder nicht unter Kontrolle. Zudem werden alle von Nathaniel Bone gestalkt, der sich unbedingt die Biografierechte von Joe sichern will.

The Wife lebt von seinen beiden hervorragenden Hauptdarstellern. Glenn Close und Jonathan Pryce überspielen als funktionales Ehepaar einige dramaturgische Schwächen und verleihen der Geschichte eine gewisse Authentizität. Die gefühlvollen Momente zwischen Joe und Joan geben ein besseres Verständnis für die Beziehung als die verstreuten Rückblenden. Am Ende bietet der Film mehr als nur die bekannte Geschichte des untreuen Künstlers und seiner missmütigen Ehefrau.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau - besonders in Gesellschaften, die den Erfolg der Frau nicht zulassen oder zumindest erschweren. Bei einem Dinner wird Joan gefragt, was sie denn mache: Hausfrau, Mutter, ebenfalls Autorin? Nein, Joan sei eine Königsmacherin. Eine Berufung, bei der jegliche Anerkennung verwehrt bleibt.

Der Nobelpreis für Literatur wurde seit 1901 nur an 14 Frauen vergeben, die Auszeichnung für den alten weissen Amerikaner Castleman passt also ins Schema. The Wife erzählt nicht nur vom Leben im Schatten einer Berühmtheit. Er erzählt auch von vergangenen Chancen und vom langen Eheleben, das mehr von der Routine als von der Liebe lebt. Für die Beziehung der beiden wird die Reise nach Stockholm zum Stresstest. Der Preis für das Lebenswerk bringt vor allem Joan zum Nachdenken. In kurzen Rückblenden erfahren wir, dass sie eine Literaturstudentin in Yale war und das Schreiben ihre grosse Leidenschaft. Filmisch ist der Beginn der Liebesgeschichte zwar uninteressant, liefert aber wichtigen Kontext für die Handlung.

Ebenso konventionell wie die Rückblenden sind die Nebenfiguren. Sohn Max ist ein überbeanspruchtes Klischee. Seine kindischen Wutausbrüche sollen ebenso für Konfliktpotenzial sorgen wie die Intrigen des schmierigen Stalkers Bone. Der wird zumindest gut gespielt von Christian Slater. Gegen Joans Souveränität und Joes Selbstbewusstsein können aber beide wenig ausrichten.

Glen Close und Jonathan Pryce sind in ihrem Schauspiel so überzeugend und stark, dass man jede Szene ohne sie sofort bemerkt. Man hätte die Beziehung der beiden und Joans Rolle darin noch stärker vertiefen können, mehr Kammerspiel und weniger beliebiges Filmdrama. Denn wenn in einem kleinen Hotelzimmer Joans unterdrückte Wut auf Joes gekränktes Ego trifft, ist The Wife am stärksten. Es sind die kleinen gefühlvollen Szenen, die mehr aussagen als jede Rückblende.

04.10.2017 / sma

Kommentare Total: 3

andycolette

Wie Conor schon richtig schrieb Glenn close bei den oscars ohne Konkurrenz schaue jedes Jahr die oscar Filme aber Glenn closes Performance true Art !! Film Soundtrack auch sensationell !! Endlich bekommt Glenn close ihren oscar !!

Conor

Ich hätte Lady Gaga den Oscar so gegönnt, aber Glenn Close ist unmöglich zu übertreffen.

sma

Filmkritik: Stockholm-Syndrom

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