Tiger Girl (2017)

Tiger Girl (2017)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Ultimate Bit*hfight!

Sehen doch ganz anständig aus, die zwei.
Sehen doch ganz anständig aus, die zwei. © Pathé Films

Maggie Fischer (Maria Dragus) versucht sich an der Aufnahmeprüfung zur Polizeischule. Beim Sporttest scheitert sie jedoch kläglich vor den Augen der restlichen Teilnehmer. Total resigniert, fährt Maggie zurück und muss sich bald wundern, weshalb ihr angestammter Parkplatz nun 5 Euro kostet, die ihr die Parkwächterin Tiger (Ella Rumpf) abnimmt. Als die Parklücke sich als zu klein herausstellt, verhilft ihr Tiger zum nötigen Platz, indem sie den Rückspiegel des Nachbarautos kurzerhand mit einem Tritt abbricht.

Wer konnte ahnen, was die Bad-Girls alles im Schilde führen!
Wer konnte ahnen, was die Bad-Girls alles im Schilde führen! © Pathé Films

Maggie beginnt wenig später eine Ausbildung bei einem privaten Sicherheitsdienst. Zufällig trifft sie mehrmals wieder auf Tiger, die ein Leben als Outlaw in einem stillgelegten Bus jenseits von gesellschaftlichen Regeln und Normen führt. Maggie und Tiger freunden sich an, verbringen viel Zeit miteinander, wobei Maggie von Tiger den Namen Vanilla erhält. Gemeinsam ziehen sie durch die Stadt. In geklauten Security-Uniformen und mit einem Baseballschläger bewaffnet, schaffen sie ihre eigene Ordnung. Auf die Fresse bekommt, wer es Tigers Meinung nach verdient hat. Immer häufiger ziehen Tiger und Vanilla ihre Kreise und schrecken bald vor richtig kriminellen Handlungen nicht mehr zurück.

Tiger Girl ist audiovisuell gelungen und bemerkenswert. Weniger Euphorie-Schübe löst hingegen die Charakterzeichnung aus, welche eher oberflächlich bleibt. Dass die beiden Hauptakteurinnen schlussendlich beinahe 100 Prozent die Rollen tauschen, ist wenig innovativ und sorgt für einen finalen Status quo. Das rebellische, junge Kino schlägt einmal mehr über die Stränge des guten Geschmackes. Möge dessen Pubertät bald enden und uns reifere filmische Ergüsse liefern.

In einem optisch wertvollen Coming-of-Age-Drama führt uns Jakob Lass an eine Freundschaft zweier ganz unterschiedlicher Mädchen heran: Tiger und Vanilla. Optisch wertvoll deshalb, weil mit vielen Lens-Flares, starken Kontrasten und schön ausgeleuchteten Bildern ein visuell schöner Film erschaffen wurde. Auf die Ohren gibt es Girlie-Rap, dann wieder ein pumpender, schweisstreibender Electrobeat. Das wirkt zwar zeitgemäss und passend zur Handlung und den Charakteren, aber gleichwohl stressig und unruhig. Ruhig und gelassen will Tiger Girl nämlich sicher nicht sein. Der Film ist ein Schlag in die Fresse. Allerdings ist es unklar, in wessen Gesicht gespuckt werden und an wen sich die Kritik schlussendlich richten soll. Es entsteht der Eindruck eines Rundumschlages, welcher jede und jeden treffen kann.

Dass das Kino krampfhaft versucht, jung, rebellisch und wild zu sein, ist nichts Neues. Von Street-Credibility ist die Rede, dann vom authentischen Abbild einer Szene, einer Generation. "Etwas zeigen, wie es jeden Tag in jeder beliebigen Stadt stattfinden könnte", scheint das Motto einer Generation von Filmemachern zu sein. Asozial scheint das neue "cool" zu sein. Je menschenverachtender, desto besser. Unterhaltung auf Kosten des einigermassen guten Geschmackes scheint Pflicht zu sein. Oder wie erklärt man sich sonst eine solche Verherrlichung von Gewalt, Diskriminierung und Sachbeschädigung? Gewalt dient als Stilmittel vieler Filme. Tiger Girl will sich damit Gehör verschaffen und auf Missstände aufmerksam machen: Junge Frauen sind oft Opfer (nicht selten sexueller) Gewalt. Lobenswert, sich dieser Thematik anzunehmen, toughe Frauen zu zeigen, die "ihren Mann stehen" und sich dies nicht gefallen lassen. Deshalb aber mit einem Baseballschläger alles kurz und klein zu hauen, widerrechtliche Handlungen mit Polizeiuniformen zu betreiben und zero Rücksicht auf sämtliche Mitmenschen zu nehmen, ist aber der falsche Ansatz zur Verbesserung der Lage. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, war nie das erfolgreichste Problemlöseverhalten.

Zeitweise unterhält Tiger Girl ganz gut. Oftmals löst er aber aufgrund der Naivität der Charaktere beinahe minutenlanges Kopfschütteln aus. Diese sind sehr unterschiedlich gezeichnet, Vanilla agiert unsicher, unentschlossen, schwächlich, während Tiger ein sehr exzessives, selbstsicheres und anarchistisches Wesen an den Tag legt. Die beiden werden sich im Verlaufe der Handlung noch stark beeinflussen. Zu sehr, denn schlussendlich scheinen die beiden jungen Frauen die Rollen ganz getauscht zu haben. Tiger nimmt man diese Toughness locker ab, ihr Auftreten und Ideologie tragen massgebend dazu bei. Vanilla nur zu einem Teil, sie meldet sich für die Security-Ausbildung und muss sich dort den Typen stellen - ihre Wandlung zum absoluten Bad-Girl nimmt man ihr nicht ab.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Deutsch, 01:25