Tiere (2017)

Tiere (2017)

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  2. 95 Minuten

Filmkritik: Labyrinth aus Raum und Zeit

Bitte nicht noch mehr sprechende Tiere!
Bitte nicht noch mehr sprechende Tiere! © filmcoopi

Anna (Birgit Minichmayr) und Nick (Philipp Hochmair) entfliehen ihrem Alltag in Wien für ein halbes Jahr in die Schweizer Berge. Nick hat das Ziel gefasst, die Schweizer Küche zu erforschen und Rezepte zu sammeln. Anne möchte derweil die Zeit nutzen, um an ihrem Roman weiterzuschreiben. Als ihr sechsmonatiges Zuhause haben sie sich ein abgelegenes Chalet ausgesucht, während ihre Wohnung in Wien von Mischa (Mona Petri) gehütet wird.

Ganz schön dunkel hier
Ganz schön dunkel hier © filmcoopi

Auf der Hinreise kollidieren Anna und Nick in ihrem Auto mit einem Schaf, was die bereits angespannte Stimmung zwischen den beiden noch weiter anheizt. Denn Nick hat länger schon eine Affäre mit der über ihnen in Wien wohnenden Nachbarin Andrea (ebenfalls Mona Petri) und Anna scheint dies zu wissen. Nach dem Unfall entsteht ein paradoxes Gemisch aus Realität und Fiktion. Die Wahrheit verschwimmt mit der Vorstellung. Und eine Katze beginnt zu sprechen...

Tiere verursacht ein einziges grosses Chaos beim Betrachter, da räumliche und zeitliche Dimensionen vermischt, verbogen und neu zusammengestellt werden. Die Story verläuft nicht nach chronologischem Muster, Szenen tauchen erneut auf, obwohl sie bereits stattgefunden haben sollten. Räume und Menschen tauchen an Orten auf, an welchen man sie am wenigsten erwartet hätte. Tiere dienen der Geschichte dabei als Katalysator, treiben sie doch die Story massgebend an und formen eine Aussenhülle um das Wirrwarr aus Traum, Fiktion, Realität, Vorstellung und Komazustand.

Es ist ein seltsames Stück Film, welches uns Greg Zglinski mit Tiere vorlegt. Weder richtige Komödie noch richtige Tragödie - es ist schwer, für den Film eine Genrebezeichnung eindeutig zu definieren. "Verwirrspiel" würde es wohl am ehesten treffen. Denn Tiere ist ein einziges Durcheinander. Und dies durchaus auch im positiven Sinn und definitiv nicht unabsichtlich, denn dies stellt das Hauptanliegen des Films dar. Raum und Zeit werden beinahe beliebig gedehnt, gestreckt, erweitert und neu zusammengefügt.

So kommt es, dass gewisse Szenen aus einer anderen Perspektive wiederholt werden, was ein anderes Bild auf die Handlung wirft. Ebenso finden Szenen in "unlogischer" Reihenfolge statt. Bereits gezeigte Szenen tauchen später aus dem Zusammenhang gerissen und neu komponiert erneut auf. So taucht einmal das Appartement im Stockwerk über der Wohnung von Anna und Nick plötzlich hinter der stets verschlossenen Türe in ihrem Flur auf - obwohl die Wohnung über der ihren liegt.

Es entsteht beim Zuschauer ein dauerndes Rätseln über Realität, Fiktion, Vorstellung, Traum und Koma. Zu keiner Zeit ist definitiv klar, in welchem der beschriebenen Zustände sich die Hauptcharaktere gerade befinden. Die Charaktere wachen aus einem Traum auf, womit eine Szene durchbrochen wird. Eine andere Person taucht in einer Szene auf, obwohl sie bereits da war. Dadurch entstehen absurde Kommunikationsmuster, welche durch die Unterhaltung von Anna mit einer Katze noch viel abgedrehter werden. Träume in Träumen sind keine Seltenheit in Tiere. Unterlegt wird das Ganze von alptraumartiger Musik und einer pulsierenden, verstörenden Geräuschkulisse.

Bald stellt sich die Frage, wer wer ist in diesem surreal-traumartigen Werk von Greg Zglinski. Die Charaktere verschmelzen miteinander, gehen ineinander über, spalten sich voneinander ab. Ist Anna Mischa? Ist Andrea, die Eisverkäuferin, in der Schweiz? Oder doch Mischa? Ist Nick der Doktor? Oder Andreas Ex-Freund? Ist Mischa die Katze? Ist Anna tot? Oder ist Anna nur verletzt? Ist es Tag oder doch Nacht? Können all diese Fragen überhaupt beantwortet werden?

Und trotzdem ist das Werk sehenswert - durch den Wortwitz und die schräge Idee, eine Katze als Lebensberater fungieren zu lassen. So bleibt der Zuschauer amüsiert und interssant dran und versucht, das Durcheinander zu entschlüsseln.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Deutsch, mit französischen Untertitel, 01:44