The Square (2017)

The Square (2017)

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  3. 142 Minuten

Filmkritik: Ist das Kunst oder kann das weg?

70e Festival de Cannes 2017
Menu du jour: Terminator du chef
Menu du jour: Terminator du chef © Xenix Filmdistribution GmbH

Christian (Claes Bang) steht auf der Gewinnerseite des Lebens, fährt einen Tesla und hat zwei wohlerzogene, herzige Töchter. Auch beruflich läuft's rund. Sein Museum wird demnächst die Kunst-Installation "The Square" eröffnen: ein Quadrat auf einem öffentlichen Platz, in dem, so das Konzept der renommierten Künstlerin, alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen. Doch wie macht man diese Ausstellung in der Öffentlichkeit bekannt? Zwei PR-Fritzen empfehlen ihm eine provokative Youtube-Kampagne, so voll viral und so.

Hier gibt's einen Haufen Kunst.
Hier gibt's einen Haufen Kunst. © Xenix Filmdistribution GmbH

Allerdings ist Christians Aufmerksamkeit gerade etwas abgelenkt, weil ihm Trickdiebe kürzlich Handy und Portemonnaie entwendet haben. GPS sei Dank findet er heraus, in welchem Gebäude sich sein Smartphone befindet. Sein Assistent Michael (Christopher Læssø) bringt ihn auf die Idee, wie er sich seine Wertsachen zurückholen könnte. Allerdings ist diese Idee ziemlich dämlich und beschert Christian schon bald neue Probleme. Derweilen gerät die PR-Kampagne für die Installation langsam ausser Kontrolle. Und als wäre das nicht schon genug, beginnt er auch noch ein Gschleik mit der amerikanischen TV-Journalistin Anne (Elisabeth Moss), die mit einem Schimpansen zusammenlebt.

Mit The Square verfilmt Ruben Östlund sein eigenes Kunstprojekt. Dabei schafft er einen Film, der gleichzeitig selbst eine Art Kunstinstallation wie auch eine Parodie auf das Kunstschaffen ist. Mit dem feinen schwarzen Humor, der sich durch die ganze überlange Spielzeit zieht, ist der Film auch leidlich unterhaltsam. Ein wenig Sitzleder ist dabei allerdings doch erforderlich. Kunst muss man sich schliesslich verdienen.

Er sieht ja schon verdammt gut aus, dieser von Claes Bang verkörperte Museums-Chef. Den sozialen Status, also Macht und Geld, bringt er ebenfalls mit, und gleichzeitig bemüht er sich auch noch, ein guter und anständiger Mensch zu sein. Eine gute Partie für die Damen, ein Vorbild für die Herren...? Näh, irgendwie nicht so. Doch warum nur wirkt er in diesem Film wie ein Jammerlappen, der dem feigen Familienvater aus Ruben Östlunds letztem Film Turist in fast nichts nachsteht? Vermutlich, weil er in seiner selbstzufriedenen Filterblase gar nicht realisiert, wie weit er sich vom Leben der Arbeiterklasse entfernt hat.

Der Gegensatz der sozialen Schichten ist eines von vielen Themen in The Square. Gleichzeitig ist der mit einer ironischen A-Cappella-Variation zu Bachs Präludium in C-Dur unterlegte Streifen eine Satire auf den modernen Kunstbetrieb und die Mechanismen von Social Media. Die titelgebende Kunstinstallation gibt's übrigens tatsächlich, und sie stammt vom Regisseur höchstpersönlich: Zusammen mit dem Filmproduzenten Kalle Boman hat Östlund dieses Quadrat 2015 in Szene gesetzt. Sein neuer Film ist also gewissermassen eine Verfilmung seines eigenen Kunstprojektes.

Zum ersten Mal hat er dabei auch amerikanische Schauspieler mit an Bord - wenn auch nur mit beschränkter Screentime: Elisabeth Moss hat als spleenige amerikanische Journalistin endlich mal eine komische Rolle, die von ihrem ernsten Mauerblümchen-Image abweicht. Ihr Dialog mit dem Protagonisten nach der ersten gemeinsamen Nacht ist eine der stärksten Szenen des Films. Dominic West wiederum hat mit seinen zwei Auftritten nicht allzu viel Arbeit - dafür hat er diese gleich in zwei merkwürdigen Szenen, über deren Bedeutung man im Anschluss angeregt diskutieren mag.

Trotz Hollywood-Beteiligung und Kunst-Background bleibt Östlund seinem Stil treu. Der herrlich lakonische Humor und Szenen, die immer haarscharf an der Grenze zum Absurden wandeln, zeichneten schon Turist aus. Und die soziale Ungleichheit, das Nicht-Hinschauen-Wollen gegenüber Armut, Elend und Kriminalität war auch in Play ein wichtiges Thema, das hier erneut virtuos durchdekliniert wird.

Leider treibt es der Regisseur diesmal ein wenig zu weit - oder zu lange. Mit fast zweieinhalb Stunden läuft sich das Format in der zweiten Hälfte irgendwann ein wenig tot. Vor allem die abschliessende Läuterung und Christians Versuche, das Ganze wieder hinzubiegen, werden arg ausgedehnt. Doch dass Östlund die Katharsis am Ende mag, wissen wir ja schon aus Turist - dem Vorgängerfilm, an den The Square trotz höherer Ambition und Hollywoodstars letztendlich nicht ganz herankommt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 4

Narcissus

was für ein Affentheater!

euros

Schwächste Palme seit langem.
Der Gute fàngt ziemlich lieblos ne Menge Baustellen an ohne auch nur eine davon zufriedenstellend zu Ende zu bringen

Und das mit den Häufchen ist mit Beuys "Kunstwerken" sogar zweimal passiert

Conor

Ruben Östlund behält in jeder einzelnen Einstellung die Kontrolle. Respekt.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:02