Shock and Awe (2017)

Shock and Awe (2017)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Liar, liar, Bagdad on fire

13. Zurich Film Festival 2017
11 Gründe gegen den Irakkrieg
11 Gründe gegen den Irakkrieg © Studio / Produzent

555: Die Anzahl der Tage zwischen den Terroranschlägen am 11. September 2001 und dem Beginn des Angriffskrieges gegen den Irak im Frühjahr 2003. Wie schaffte es die Bush-Adminstration, in dieser Zeit gleich zwei Kriege zu starten, ohne dass jemand misstrauisch wurde? Saddam Hussein, der irakische Diktator, sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen: Darüber war man sich in Washington einig, und auch die Medienlandschaft der USA gab ihrer Regierung recht. Nur eine Redaktion widersetzte sich dem Gleichklang: Die Journalisten von Knight Ridder zweifelten an der Verbindung zwischen 9/11 und dem Irak.

"Ich wünschte, wir wären Woodward und Bernstein."
"Ich wünschte, wir wären Woodward und Bernstein." © Studio / Produzent

Angeleitet von ihrem Chef John Walcott (Rob Reiner), recherchieren der Kriegsjournalist Jonathan Landay (Woody Harrelson) und sein junger Kollege Warren Strobel (James Marsden) die Hintergründe der Anschläge vom 11. September. Immer wieder taucht in den Interviews mit Politkern und Beamten der Irak auf. Als sich die Lage zuspitzt, muss sogar Journalistenlegende Joe Galloway (Tommy Lee Jones) aushelfen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Shock and Awe erzählt die Geschichte vom ehrbahren Journalisten, der als vierte Gewalt ebenso die Geschicke des Landes beeinflussen kann wie die gewählten Politiker. Rob Reiners Film kritisiert zwar das mediale System der USA, findet aber keine Lösungen. Es ist ein sehr konventionelles Drama, das wenig Neues zum Thema beiträgt. Man belässt es bei der blossen Nennung der Schuldigen. Die beiden Hauptfiguren erinnern sich zwar selbst gerne an ihre Vorbilder Woodward und Bernstein, ihnen fehlt aber die Leidenschaft und Durchsetzungsfähigkeit.

Am 20. März 2003 beging Präsident George W. Bush einen Angriffskrieg gegen ein souveränes Land. Der blutige Konflikt stürzte den Irak ins Chaos und dauert bis heute an. Seine Komplizen hiessen unter anderem Dick Cheney, Donald Rumsfeld und Colin Powell. Die wenigsten haben ihre Schuld bis heute eingestanden. Die Geschichte und die Filmindustrie gaben ihnen kein Recht, es gab keine Massenvernichtungswaffen im Irak. Dementsprechend einfach ist es heute, die Schuldigen zu benennen. Und Shock and Awe zeigt sie alle, live und in Farbe.

In den 90 Minuten geht es nicht nur um die journalistische Arbeit von Knight Ridder und die Lügen der Regierung. Anhand eines einfachen Soldaten werden die Folgen des Krieges aufgezeigt, Vietnam-Veteran Galloway erinnert an alte Fehlschläge des Militärs, und Strobel muss sich auch noch in seine Nachbarin verlieben. Viel Ablenkung also für die eigentliche Geschichte, die den Film unfokussiert wirken lassen.

Schon die erste Szene gibt Einblick auf die konventionelle Inszenierung des Films. Die Sonne scheint auf die amerikanische Flagge, man hört Fanfaren, und die Kamera fährt im Halbkreis um das Capitol in Washington. Auf die folgende Senatsanhörung wird später kein Bezug mehr genommen, sie dient nur als Begründung der Rückblende auf jenen 11. September. Die klassische Motivationsrede von Walcott darf natürlich genauso wenig fehlen wie eine Montage, die hart arbeitende Journalisten und Zeitungsschlagzeilen kombiniert. Gut geschriebene Dialoge vermisst man genauso wie vernünftige Frauenfiguren. Es sind die alten weissen Männer, die die Geschicke auf beiden Seiten lenken. Um die Geschichte aufzulockern, wird James Marsdens Figur als eine Art lustiger Trottel dargestellt - da kann selbst Jessica Biel nicht widerstehen.

Shock and Awe ist im besten Fall ein solider Film über Journalisten. Gut gemeint, aber nicht gut umgesetzt. Es ist leicht, sich über ein Jahrzehnt später hinzustellen und zu sagen: "Ich hatte Recht." Aber das allein ist nicht interessant genug für einen Film. Shock and Awe ist weder ein Denkmal für die Menschen von Knight Ridder noch für den Beruf des Journalisten. Dem komplexen Thema Irakkrieg wird er zu selten gerecht.

/ sma