The Sense of an Ending (2017)

The Sense of an Ending (2017)

Vom Ende einer Geschichte
  1. ,
  2. 108 Minuten

Filmkritik: Woher kenn ich das bloss?

Schicksalsschwanger
Schicksalsschwanger © Frenetic Films

Tony Webster (Jim Broadbent) ist ein unauffälliger, freundlicher älterer Herr, der in London ein Geschäft für seltene alte Fotokameras betreibt. Von seiner Frau Margaret (Harriet Walter) ist er zwar geschieden, doch ist sie noch immer seine beste Freundin und Vertrauensperson. Und sie werden bald Grosseltern: Ihre gemeinsame Tochter Susie (Michelle Dockery) hat sich entschieden, im Alter von 36 noch schwanger zu werden - als Single notabene. Und da ein Partner gerade nicht verfügbar ist, begleitet eben ihr Daddy Tony sie zu den Geburtsvorbereitungs-Kursen.

Femme fatale, intellektuelle Variante
Femme fatale, intellektuelle Variante © Frenetic Films

Dessen Leben gerät allerdings aus den Fugen, als er von einer ungewöhnlichen Erbschaft erfährt: Die kürzlich verstorbene Mutter seiner Jugendflamme Veronica (Charlotte Rampling) vermacht ihm das Tagebuch eines jung verstorbenen Freundes. Allerdings liegt dieses dem Schreiben nicht bei. Gemäss Angaben der Erbschaftsverwalterin hält Veronica dieses zurück. Tony will sich in Besitz bringen, was ihm rechtlich zusteht. Doch die Begegnung mit seiner Jugendliebe konfrontiert Tony mit schmerzhaft verdrängten Ereignissen aus seiner Vergangenheit.

Die Literaturverfilmung von Ritesh Batra verlässt sich ganz auf seine kongenialen Hauptdarsteller Jim Broadbent und Charlotte Rampling. Die beiden derzeit scheinbar omnipräsenten Routiniers halten sich auch hier schadlos, genauso wie der Rest des feinen Casts. Ansonsten leistet sich dieses Beziehungsdrama mit einem Hauch Mystery keine groben Schnitzer, bleibt allerdings doch auch recht austauschbar.

Er scheint sich zum Spezialisten für Seniorenfilm-Traumpaare zu entwickeln: Nachdem der indische Regisseur Ritesh Batra in Our Souls at Night bereits Robert Redford und Jane Fonda vor der Kamera wiedervereint hat, tut er das gleiche ennet des grossen Teichs mit Jim Broadbent und Charlotte Rampling. Wobei die beiden in diesem Fall sogar das allererste Mal gemeinsam vor der Kamera stehen - mal abgesehen von der BBC-Miniserie London Spy, wo sie aber keine gemeinsamen Szenen hatten.

Das ist doch ziemlich erstaunlich, haben die beiden Darsteller doch einige Gemeinsamkeiten. Beide sind sie in England eine Art Go-to-Guys für alle Rollen, die einen Charakterkopf in fortgeschrittenem Alter benötigen; beide haben eine beeindruckende Filmographie, bei denen man verblüfft feststellt: "Ah, dort war der auch dabei??"; und dementsprechend bekannt ist ihr markantes Gesicht, bei dem auch Gelegenheits-Kinozuschauer mit schlechtem Namensgedächnis rufen: "Die kenn ich doch von irgendwo!". Mit über bzw. knapp 70 Jahren bringen die beiden Altstars nun ihre unbestrittene Klasse in The Sense of an Ending und werten damit diese eher durchschnittliche Verfilmung des Romans von Julian Barnes zweifellos auf.

Weshalb durchschnittlich? Nun, irgendwie wirkt alles ein bisschen altbacken: Die in Rückblenden erzählte Geschichte einer Dreiecksbeziehung, die tragisch endet, wurde schon gefühlte tausendmal erzählt. Der kleine Twist am Ende wirkt dabei eher bemüht als originell. Die Inszenierung ist zwar routiniert und gefällig, aber auch etwas oberflächlich. Gerade Veronikas Figur - sowohl in alt als auch in jung, gespielt von Freya Mavor - bleibt bis am Ende undurchschaubar. Und der Nebenplot mit Downton Abbey-Star Michelle Dockery in der Rolle von Tonys schwangerer Tochter zieht die Geschichte unnötig in die Länge.

Bleiben da eben die Darsteller. Auf die ist natürlich Verlass. Neben Broadbent und Rampling sind auch die Nebenrollen exquisit besetzt mit Emily Mortimer in einer kleinen, aber für die Handlung wichtigen Rolle und Harriet Walter in der Rolle von Tonys Exfrau. Gerade sie zeigt eine feine Leistung. Und wer jetzt nicht nur bei Broadbent und Rampling, sondern auch bei ihr diesen "Woher kenn ich sie bloss?"-Wiedererkennungseffekt hat, dem sei hiermit die Recherchearbeit erspart: Neben vielen anderen Filmen spielte sie unlängst Dr. Kalonia in einem gewissen Weltraum-Abenteuer. Gerade diese vertrauten Gesichter verstärken den Eindruck, den die Zuschauer bei The Sense of an Ending beschleichen kann: Irgendwie alles schon mal gesehen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 02:23