Schatz, nimm Du sie! (2017)

Schatz, nimm Du sie! (2017)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Wenn dem Glück nur die eigenen Kinder im Wege stehen

Scheidungspartys: tolle Sache, müsste man öfter machen!
Scheidungspartys: tolle Sache, müsste man öfter machen! © Studio / Produzent

Toni (Carolin Kebekus) und Marc (Maxim Mehmet) merken, dass die Luft in ihrer Ehe langsam draussen ist. In aller Freundschaft, ganz erwachsen, soll die Scheidung ablaufen. Genau so wollen es die beiden auch ihren zwei Kindern Tobias (Arsseni Bultmann) und Emma (Arina Prokofyeva) verkaufen. Erst scheint es die stets aufs Handy und ihren Schwarm fixierte Emma und den Schach spielenden, veganen Hamsterfan und Neunmalklug Tobias nicht wirklich zu interessieren, dass ihre Eltern getrennte Wege gehen wollen - bis sie sich entscheiden sollen, bei wem sie zukünftig unterkommen wollen. Innerhalb einer Woche müssen sie ihre Entscheidung getroffen haben.

Dumm nur, dass sich weder Marc, welcher als Geburtshelfer nach Haiti zu gehen plant, noch Toni, welche den Bau eines Windrad-Projekts in Malta leiten soll, um die Kinder kümmern will. So entbrennt ein verbissener Streit darum, wer sich denn nun um die Kinder kümmern muss. Sowohl Marc als auch Toni tun alles dafür, damit sich die Kinder beim jeweils anderen Elternteil wohler und verstandener fühlen. Dabei lassen sie auch die schmutzigsten Tricks nicht aus.

In einem unterhaltsamen Streit darum, wer sich nach der Scheidung um die Kinder kümmert, überzeugen nur einige innovative Ideen. Schauspielerisch bewegt sich Schatz, nimm Du sie! auf mässigem Level. Mit Carolin Kebesus und Axel Stein in einer Nebenrolle sind gleich zwei Komiker involviert, was man dem Werk anmerkt. Der Aufbau und die Einführung in das Thema gelingen ordentlich, ansonsten sticht der Film aber nicht aus dem Einheitsbrei tragischer Komödien heraus. Sogar der Soundtrack murmelt nur deutsche Pop-Rock-Standardkost vor sich hin. Unterhaltung ist garantiert, mehr aber nicht.

Immer wieder versuchen sich Comedians in der Erinnerung der breiten Öffentlichkeit festzusetzen, indem sie ihre Bühne verlassen, um in Filmen mitzuwirken. Etliche Vertreter, nur schon aus dem deutschsprachigen Raum, versuchten sich schon in Filmkomödien, so unter anderem Oli Pocher, Otto Waalkes - welcher sich selbst zu einer Franchise machte -, Kaya Yanar, Anke Engelke, Bastian Pastewka oder natürlich Michael "Bully" Herbig. Und mit Bendrit Bajra in Flitzer hat bald auch die Schweiz ihren Komödianten im Filmbusiness.

In Schatz, nimm Du Sie! versucht Carolin Kebekus, ansonsten eher bekannt durch ihre provokanten Programme wie "Pussy Terror", nach Agent Ranjid rettet die Welt erneut den Durchbruch im Kino. Als Komödiantin agiert Kebekus mit ihren Ghetto-Satiren und Fake-Rap-Videos als toughe Lady und Feministin. Ihre Programme sind vulgär und lassen, was das Niveau angeht, oft zum Wünschen übrig. Doch man kann halten von ihr, was man will, sie zieht ihr Ding durch. Hier also hält sie ihren Pegel an Aggression hoch, denn der Film ist ein Abnutzungskampf zwischen ihr und Maxim Mehmet, bei welchem die Emotionen richtig hochkochen dürfen.

Man nimmt beiden die Rollen leider nicht wirklich ab. Sie versuchen zwar ihr Bestes, es bleibt aber eine charakterliche Überzeichnung, welche Kebekus' Hintergrund nicht verbergen kann. Alles ist zu sehr ins Extreme gezogen. Die Jungmannschaft überzeugt da schon eher: Auch wenn diese Charaktere ebenso überzeichnet sind, vermitteln Arsseni Bultmann und Arina Prokofyeva eine stärkere Abgeklärtheit in ihrem Acting und kommen weniger wie Komiker daher, die dem Publikum nur den einen Brüller nach dem anderen um die Ohren hauen.

Die Story nimmt sich Zeit, alle Charaktere passabel einzuführen. Ein Drittel der Laufzeit widmet sie dem Aufbau, bis der grosse Crash - und somit die Haupthandlung - einsetzt, welcher ganz amüsant anzusehen ist: Bei dem Wettstreit, wer nun die Kinder nehmen muss, werden gute Ideen umgesetzt. Beide Protagonisten versuchen es den Kindern bei sich so ungemütlich wie nur möglich zu machen, sie zu blamieren, nur, damit sie sich zum Verbleib beim jeweils anderen Elternteil entscheiden. Hier wird eine breite Palette an Absurditäten und Scheusslichkeiten inszeniert, was aber durchaus Spass macht. Im Grossen und Ganzen bietet der Film so zwar nicht viel Neues, unterhält aber dennoch einigermassen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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