The Rider (2017)

The Rider (2017)

  1. 104 Minuten

Filmkritik: No Easy Rider

70e Festival de Cannes 2017
Der Pferdeflüsterer
Der Pferdeflüsterer © Cineworx

Der junge Cowboy Brady (Brady Jandreau) ist ein passionierter Rodeo-Reiter und Pferdedressierer. In South Dakota, wo er aufgewachsen ist, gilt er als eines der grössten Nachwuchstalente im gefährlichen Rodeo-Sport. Jedoch ist Brady gezwungen, seiner Leidenschaft eine Auszeit zu geben, nachdem er bei einem Unfall von einem Pferdehuf am Kopf erwischt worden ist und einen Schädelbruch erlitten hat. Gemeinsam mit seinem Vater (Tim Jandreau) und seiner jüngeren Schwester (Lilly Jandreau) lebt er auf einer Ranch und muss sich nun, zumindest vorübergehend, anderweitig beschäftigen. Er verbringt viel Zeit zuhause mit seiner Familie, hilft bei der Arbeit auf dem Hof, und beginnt, in einem Supermarket zu arbeiten, um über die Runden zu kommen. Denn sein Vater ist mehr damit beschäftigt, das Geld beim Glückspiel und in Bars auszugeben, anstatt für das Wohl der Familie zu sorgen.

Gekreuzigt
Gekreuzigt © Cineworx

Je länger Brady vom Rodeo-Sport abwesend ist, desto mehr macht es ihm zu schaffen. Schliesslich kann er es nicht lassen, die Pferdedressur wieder aufzunehmen, auch wenn sein gesundheitlicher Zustand nicht stabil ist. Und sein Ziel hat er klar vor Augen: die Rückkehr zum Rodeo-Sport.

The Rider ist ein hochemotionales, intimes und authentisches Porträt eines gebrochenen jungen Mannes, der darum fürchten muss, seinen grossen Lebenstraum aufzugeben. Die chinesische Regisseurin Chloé Zhao (Songs My Brothers Taught Me) verfilmt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, und ihre Figuren werden von jenen Menschen verkörpert, die das Erzählte tatsächlich so erlebten. In langen Einstellungen und wunderschönen Panoramabildern der Prärielandschaft South Dakotas zeigt sie ein rauhes, unberührtes Amerika, weit abseits von der Welt der Wolkenkratzer-Städte.

Wieso sie als chinesische Regisseurin darauf gekommen sei, einen Film über Cowboys in South Dakota zu drehen, wurde Chloé Zhao nach der Weltpremiere an der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes gefragt. Zhao sei fasziniert von der Freiheit, die diese Gegend repräsentiere und von der Rauhheit, die die Prärie ausstrahle. Ein krasser Gegensatz zum glamourösen, reichen Amerika und zum hektischen Grossstadtleben, welches zuhauf in Filmen dargestellt wird. Und es gelingt der Regisseurin sehr gut, diese Freiheit, diese Reinheit und den Lebensstil der Cowboys einzufangen.

Dazu tragen jedoch nicht nur die langen, ruhigen Panoramaeinstellungen der Landschaft bei. Im Leben eines Cowboys geht es schliesslich auch wild zu und her. Wild und hektisch wird es, wenn Aufnahmen des Rodeos gezeigt werden oder wenn Brady seine Pferde dressiert. Brady bei der Arbeit zuzuschauen bietet ein einmaliges Erlebnis. Der Umgang mit den starken, eleganten Wesen fordert viel Kraft und Mut, aber auch Geduld und Einfühlsamkeit. Es ist ein sehr intimer Einblick, der den Zuschauern hier gewährt wird.

Ebenso intim sind Bradys Aufnahmen, die ihn im Kampf mit dem harten Schicksalsschlag des Unfalls zeigen - zum Beispiel zu Hause vor dem Spiegel beim Betrachten seiner Wunde oder bei den Gesprächen mit seiner Schwester und Freunden. In sehr nahen Einstellungen werden seine bedrückte Gefühlslage und seine Sehnsucht nach seiner grossen Leidenschaft sehr schön eingefangen. Brady Jandreaus Schauspiel ist hervorragend - das Erzählte hat er selbst durchlebt, und dies wird deutlich spürbar.

Die eher ruhige und langsame Erzählweise fordert vom Zuschauer viel Geduld, und die bedrückende Stimmungslage, in welcher sich der Protagonist befindet, machen The Rider zu keiner leichten Kost. Doch Bradys unbändiger Wille, seinen Traum weiterhin zu verfolgen, ist bewundernswert und ermutigend. Sein intimes Schauspiel, die bewegende Geschichte und die visuelle Umsetzung sind herausragend und stempeln dem Drama das Prädikat "sehenswert" auf.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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Kommentare Total: 3

andycolette

Heute in Bern gesehen war sensationell sehr bewegend tragisch und wunderschön gefilmt ! Hammer Hauptdarsteller werde mir am wk nochmals ansehen !! Sehr krasses Drama um diesen Jungen Cowboy!

sma

Was für ein fantastischer Film. So gefühlvoll und warmherzig, zudem brillant gefilmt. Chloé Zhao nutzt die grossen Einstellungen wirklich mit Bedacht und verstärkt dadurch noch einmal ihre Wirkung. Der Film erzählt wirklich eine Geschichte aus dem Herzen Amerikas und stellt die Armut seiner Figuren nicht wertend dar. Brady Jandreau ist ein faszinierender All American Boy. Von den zahlreichen emotionalen Szenen hat mir der erste Ausritt auf Apollo am besten gefallen.

gli

Filmkritik: No Easy Rider

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Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:03