Phantom Thread (2017)

Phantom Thread (2017)

  1. 130 Minuten

Filmkritik: Verlass uns nicht, Daniel Day-Lewis!

Das angetörnte Schneiderlein
Das angetörnte Schneiderlein

Im London der Fünfzigerjahre gestaltet der berühmte Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) Kleider für Filmstars, Prinzessinnen und Erbinnen. Tagein, tagaus ist er in Gesellschaft unzähliger Frauen. Schöne Damen inspirieren den charmanten Herzensbrecher, aber heiraten würde Woodcock nie. Einzig seine Schwester Cyril (Lesley Manville) ist eine Konstante in seinem Leben. Die braucht er auch. Denn sobald etwas ausserhalb der gewohnten Bahnen verläuft, dreht er durch.

The Fast and the Furious war gestern
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Um sich eine Auszeit zu gönnen, fährt Woodcock eines Tages aufs Land. In einem Restaurant trifft er auf die tollpatschige Kellnerin Alma (Vicky Krieps). Er erwählt sie zu seiner nächsten Geliebten und Muse. Was er nicht ahnt: Alma ist nicht so naiv, wie sie zu sein scheint. Hinter dem zarten Gesicht verbirgt sich eine starke Frau, die sich nicht so einfach wieder abwimmeln lässt. Woodcocks geregeltes Leben beginnt zu bröckeln. Bis es nur noch an einem seidenen Faden hängt.

Phantom Thread ist eine skurrile Liebesgeschichte, edel inszeniert vom Kino-Wunderkind Paul Thomas Anderson. Der Film ist ein virtuoser Drahtseilakt zwischen schwarzhumoriger Groteske und irritierendem Psychodrama. Die Chemie zwischen Schauspiellegende Daniel Day-Lewis und Hollywood-Newcomerin Vicky Krieps ist hypnotisierend. Ein Fest für Freunde der subtilen Filmkunst.

Das ist sie also, die achte Regiearbeit des Kino-Wunderkinds und -Allrounders Paul Thomas Anderson (There Will Be Blood). Im Vorfeld stellte sich mächtige Vorfreude, aber auch leise Skepsis ein. Auf den ersten Blick sieht Phantom Thread nämlich wie ein typisches Historien-Drama à la King's Speech aus, rechtzeitig zur Award-Season abgedreht. Von Anderson ist man da Originelleres gewohnt. Man denke an die irre Paranoia-Farce Inherent Vice. Demgegenüber gehört PTAs neuester Streich zu seinen zugänglicheren Filmen. Die Bilder sind nobel und detailreich durchkomponiert, und der auf Klassik getrimmte Soundtrack von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood ist ein Ohrenschmaus.

Auf dem Papier klingt der Plot wie die letzte Schmonzette: Ein Mädel vom Lande erweicht das Herz eines arroganten Schwerenöters. Aber Anderson wäre nicht Anderson, webte er nicht Widerhaken in die elegante Fassade. Er reichert die Geschichte mit grotesken und schwarzhumorigen Szenen an. Und bald ist klar, dass dieser Film eher ein skurilles Psychodrama als eine Romanze ist. Anderson beackert ein ähnliches Themenfeld wie Darren Aronofsky letztes Jahr mit Mother!: den Widerstreit zwischen Kunst und Liebe, Mann und Frau. Nur geht PTA ungefähr hundertmal feinsinniger an die Sache heran.

Über dem ganzen Geschehen türmt der meisterliche Daniel Day-Lewis (Lincoln) als egomanisch-exzentrisches Weichei Woodcock - bald der gestrenge Herr im Haus, bald nicht mehr als ein weinerlicher Junge. Day-Lewis hat angekündigt, Phantom Thread sei sein letzter Auftritt auf der grossen Leinwand. Hoffen wir mal, dass das nur Gerede ist! Er hinterliesse eine riesige Lücke.

Man möchte meinen, dass Day-Lewis seine luxemburgische Kollegin Vicky Krieps (Le jeune Karl Marx) in ihrer ersten Hollywood-Rolle an die Wand spielen würde. Aber weit gefehlt: Krieps bietet ihm problemlos Paroli. Sie ist süss, verführerisch und "badass" zugleich. Hier treffen sich zwei Darsteller auf der Höhe ihrer Kunst. Das ist wunderbar mit anzusehen, zumal Anderson beiden Performances genug Raum und Zeit gibt. Day-Lewis und Krieps sind hypnotisierend, besonders wenn sie die Krallen gegeneinander ausfahren. Ein düsteres Vergnügen.

Ein makelloser Film ist Phantom Thread trotz allem nicht geworden. Manchmal trägt Anderson symbolisch arg dick auf, manchmal ist er allzu verkünstelt und verschlungen. Die Vision des Filmes ist so unterkühlt, dass man als Zuschauer fast fröstelt. Wer auf subtile Dramen, erlesene Kulissen und exquisite Schauspielkunst steht, wird um das aktuelle Werk von PTA allerdings nicht herumkommen - sollte sich jedoch auf einige kleinere und grössere Überraschungen gefasst machen.

/ mon

Kommentare Total: 4

sma

Selten habe ich eine so tolle Kinoerfahrung, wie mit Paul Thomas Andersons neuem Film.
Daniel Day-Lewis ist der beste Schauspieler der Welt und hat hier mit Vicky Krieps einen überraschend starken Gegenpart. Die Kostüme und der Cast sind klasse, die Dialoge kraftvoll und verschmitzt. Der gesamte Film sieht unglaublich gut aus, aber besonders die Nahaufnahmen sind zum Dahinschmelzen. Obwohl es ein ruhiger Film ist, ist der orchestrale Score von Jonny Greenwood sehr präsent und wirkt auch noch nach dem Abspann nach. Inhaltlich bekommt man viel mehr als die klassische Beziehung vom schwierigen Künstler und seiner Muse.
Phantom Thread ist schon jetzt einer meiner Filme des Jahres.

andycolette

Sehr gut sehr kunstvoll stylisch und intellektuell! Aber auch etwas wirr und speziell typisch Paul Thomas Anderson!!

Conor

Anderson wird mit seiner Inszenierung dem akribischen Modeschöpfer Reynolds vollauf gerecht und Jonny Greenwood sollte endlich den längst verdienten Oscar erhalten.

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