Okja (2017)

Okja (2017)

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Filmkritik: Ich glaube, mein Schwein pfeift nach Freiheit

70e Festival de Cannes 2017
Jake findet das Ganze saumässig glatt.
Jake findet das Ganze saumässig glatt.

Über 800 Millionen Menschen auf dem Planeten leiden laut der Mirando Corporation an Hunger. Dies kann laut CEO Lucy Mirando (Tilda Swinton) so nicht mehr weitergehen. Zum Glück findet ihre Firma in Chile eine neuartige Schweineart, welche grösser als seine Artgenossen ist und die Umwelt auch noch weniger belastet. Ein Programm wird ins Leben gerufen, bei dem 26 Superschweine auf den ganzen Erde verteilt werden und nach zehn Jahren geschaut werden soll, welches Tier am besten gewachsen ist. Eines mit dem Namen Okja landet dabei auch in Südkorea, wo sich die junge Mija (Seo-Hyun Ahn) und ihr Grossvater um das Tier kümmern. Für Mija ist Okja über die Jahre zum besten Freund geworden, und es wäre für sie das Schlimmste, wenn sie von dem Tier getrennt sein würde.

Sie haben beide Schwein gehabt.
Sie haben beide Schwein gehabt.

Doch nach zehn Jahren kommt es dazu. Verantwortliche der Mirando Corporation und der Tierforscher Dr. Johnny Wilcox (Jake Gyllenhaal) treffen ein und nehmen Okja mit. Mija will nicht zulassen, dass mit ihrem Freund experimentiert wird und reist nach Seoul, wo sie ihr Superschwein befreien möchte. Unterstützung erhält sie dabei von der Animal Liberation Front unter der Leitung von Jay (Paul Dano). Werden sie gemeinsam Okja zurück in die südkoreanischen Berge bringen können?

Der von Netflix produzierte, smarte Okja um die Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Riesenschwein ist ein saumässig guter Blockbuster. Der Film von Bong Joon-ho hat das das Herz am rechten Fleck und weiss mit überdrehten Schauspielerleistungen - allen voran Jake Gyllenhaal und Tilda Swinton - sowie einer rasanten Inszenierung zu gefallen. Bis auf ein paar zu düster geratene Szenen ein unterhaltsames Filmchen, das auf die Watchlist gehört.

Ein Netflix-Film am Festival von Cannes, der nicht in den französischen Kinos laufen wird? Eine Sauerei für die dortige Filmindustrie. Damit eine solche Saumode nicht Schule macht, werden ab 2018 keine Filme mehr ohne bestätigten Kinostart in der Grande Nation ans Festival zugelassen. Man bekommt das Gefühl, das Festival glaube, dass Netflix eine (Film-)Perle beim VOD-Start einfach vor die Säue werfen wird. Eine solche Kontroverse interessiert beim normalen Publikum aber eh fast keine Sau. Der Grossteil der Filmfans will einfach nur wissen, ob das Werk von Bong Joon-ho (Snowpiercer) was taugt. Die Antwort: Okja ist saugut.

Wir möchten aber auch erwähnen, dass es Okja auch ausserhalb von Cannes verdient gehabt hätte, auf einer saumässig grossen Leinwand gezeigt zu werden. Denn Bong Joon-hos Film ist ein herziger Blockbuster mit einem starken Duo im Zentrum. Die Beziehung zwischen einem Kind und einem Wesen, das von bösen Leuten gejagt wird, lässt natürlich an E.T. denken. Zwar kommt Okja vom Emotionalen her nie an Spielbergs Meisterwerk heran, jedoch besitzt dieser Film hier seine eigenen Stärken.

Gemeint ist unter anderem die Inszenierung der Actionszenen. So gibt es in der Mitte des Filmes eine mehrminütige, rasant und packend umgesetzte Verfolungungsjagd auf Lastwagen und zu Fuss, bei denen die Protagonisten ganz viel Schwein haben. Ein grosses Lob gebürt aber auch den Schauspielern, von denen sich ein paar herrlich verbiegen. Allen voran Jake Gyllenhaal fühlt sich sauwohl in seiner Rolle als Tierliebhaber mit einer Schraube locker. Nur schon wenn er mit seinen kurzen Hosen, Schnauz und dicken Brillengläsern auftaucht, ist das saulustig.

Des Weiteren hat es sich Tilda Swinton nach Snowpiercer nicht nehmen lassen, für Bong Joon-ho erneut falsche Zähne einzusetzen, um diesmal gleich zwei überdrehte Figuren darzustellen. Nicht minder schräg sind die Mitglieder der Tierbefreiungsfront, die auch ein paar sauglatte Momente haben. Okja selbst ist genial animiert und erinnert vom Design her mehr an eine Mischung aus einem Nilpferd und einem Hund. Das Schwein im Riesenschwein ist kaum zu sehen, was aber nicht wirklich allzu kritisch betrachtet werden muss.

Unter aller Sau ist wenig. Eine Paarungsszene und eine Sequenz im Schlachthaus sind ein bisschen too much für einen Film, der sich zuvor wie ein Kinderfilm anfühlte. Doch ansonsten ist Okja ein überaus unterhaltsamer und smarter Blockbuster mit Herz geworden, bei dem man lachen, staunen und mitfiebern kann. Es ist also nicht fair, wenn man diesen Film nur wegen seiner Produktionsfirma völlig zur Sau macht. Schweinisch benahmen sich da ein Paar Ferkel unter den Cannes-Kritikern, die beim Erscheinen des Netflix-Logos "Buuh" ruften. Bei Filmfestivals und Preisverleihungen wird es Okja zweifelsohne schwer haben. Doch ein guter Film bleibt auch ohne Auszeichnungen ein guter Film. Deshalb wollen wir mit den Worten von Hans Christian Andersen schliessen: "Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht." Oink!

/ crs