Numéro une (2017)

Numéro une (2017)

Filmkritik: Notre Dame de Paris

13. Zurich Film Festival 2017
«Il vous adooooore!»
«Il vous adooooore!» © Studio / Produzent

«Du bist eine Schlampe.» Emmanuelle Blachey (Emmanuelle Devos) gibt den Anfeindungen nur noch halbherzig zurück. Eher mit einem Lächeln auf den Lippen macht sich die Business-Frau auf den Weg zum Meeting. «He, du Schlampe!», bellt jemand - sie ist's sich gewohnt. Wer an der Spitze von Frankreichs grösster Energiefirma steht, hat schliesslich einen breiten Rücken. Als Frau, deren Geschäftsalltag von unaufhörlicher Profilierung geprägt ist, sowieso.

Als sie eines Tages das reizvolle Angebot für die Übernahme einer anderen Führungsposition - immerhin wäre sie dann die erste Frau am Kopf einer der 40 führenden französischen AGs - erhält, ist der Konkurrenzkampf eröffnet. Denn da ist noch der neidische und skrupellose Jean Beaumel (Richard Berry), der seine eigenen Interessen verfolgt. Emmanuelle zögert kurz, steigt dann aber voller Überzeugung in den Ring. Sie weiss allerdings, dass ein noch so kleiner femininer Fehltritt in der mächtigen Männerwelt schnell einmal mit der Karriere bezahlt wird - oder, so verkündet die gerade gefundene Leiche einer führenden Feministin, noch viel mehr.

Nicht leicht durchschaubare Verhältnisse, Ungerechtigkeiten und ein Todesfall. Numéro une exponiert sich als typischer Business-Lesekrimi, bei dem man manchmal fast schon das Gefühl erhält, jemand blättere die Seiten um. Die Ursache allen Übels liegt hier in der mangelnden Gleichbehandlung der Geschlechter in Führungspositionen, dessen Problem bei weitem nicht so griffig gestaltet wird wie die Geschichte an sich. Die herausfordernde Präsentation des feministischen Gedankens bewegt im Endeffekt aber zum kritischen Nachdenken.

In dieser graublauen Businesswelt ist Transparenz nur Mittel zum Zweck, denn das Flirren der Grossstadt lässt die symbolisierte Offenheit der verglasten Wolkenkratzer verschwimmen. Eine kalte Atmosphäre der nordischen Krimis in Frankreich - das lässt einiges an Spannung erhoffen, und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein regelkonformer Businesskrimi spielt sich ab, ohne grosse Überraschungen zwar, dafür stilsicher. Und da es hier um das öffentliche Verwalten von Macht geht, wird auch weniger gemordet als auf den Spannungsknopf gedrückt. «Contrôler ses nerfs», heisst es insbesondere für Emmanuelle.

Numéro une stellt den Anspruch, mehr zu sein als ein simpler Businesskrimi. Soziale Relevanz erarbeitet er sich durch die vieldiskutierte Sexismus-Problematisierung in den Teppichetagen. Dieser Aspekt wird aber so merkwürdig ausgespielt, dass er die Dramaturgie eher behindert als befeuert. Eigentlich, stellt man bald fest, könnte man Madame Blachey auch durch einen Monsieur Blachey ersetzen - alles spielte sich genau gleich ab. Darüber hilft auch die Nebenerzählung der Geschichte der Véra Jacob, die sich als Kopf einer Feministinnen-Organisation für Emmanuelle einsetzt, nicht hinweg.

Stellt sich der Film damit selber ein Bein, oder haben wir es einfach mit plumpem Feminismus zu tun? Beide Interpretationen dürften zu kurz greifen. Dass der Fokus zwischen der Bejahung der insbesondere von feministischer Seite beklagten Sexismusvorwürfe und deren Verneinung schwadroniert, kann als Konkretisierung des problematischen Umgangs mit dem Thema gesehen werden. Er scheint förmlich danach zu fragen, ob er den Sexismus noch ins Spiel bringen darf. Indem Numéro une dem Sexismus aus dem Weg geht, bringt er ihn zur Sprache.

So bekommt man zwar im Laufe des Films eher den Eindruck, dass Männer einfach besser darin sind, Macht zu gewinnen und zu verwalten - und das nicht, weil sie eine Allianz des männlichen Geschlechts bilden, sondern weil sie darin einfach besser sind. Dasselbe spricht der Film übrigens den Frauen nicht ab. Dass diese aber handkehrum erfolgreich agieren, zeigt Numéro une an sich selbst mit der starken Frauentrias aus Regisseurin Tonie Marshall (zwei Césars für Vénus beauté) sowie den Schauspielerinnen Emmanuelle Devos (je einen César für Sur mes lèvres und À l'origine) und Suzanne Clément (Prix Un Certain Regard für Laurence Anyways). Die scheinbare Widersprüchlichkeit hat durchaus Methode.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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