Mother! (2017/II)

Mother! (2017/II)

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  2. 115 Minuten

Filmkritik: Tag der offenen Tür

74. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2017
Ich will doch einfach nur meine Ruhe.
Ich will doch einfach nur meine Ruhe.

Irgendwo im Nirgendwo, zurückgezogen in einem grossen alten Landhaus, lebt ein berühmter, aber in Vergessenheit geratener Dichter (Javier Bardem) mit seiner wunderschönen, jungen Ehefrau (Jennifer Lawrence). Seit Monaten hat sie das Haus renoviert und umgestaltet und tut alles Erdenkliche für ihren geliebten Mann. Er wiederum leidet seit geraumer Zeit an einer Schreibblockade, und nichts scheint dies ändern zu können.

Was haben wir denn hier?
Was haben wir denn hier?

Ihre friedliche Existenz wird eines Tages durch die Ankunft eines unerwarteten Gastes (Ed Harris) gestört. Während ihr der Fremde suspekt erscheint und sie ihn am liebsten schnell aus dem Haus haben möchte, ist ihr Mann von seiner Persönlichkeit begeistert und lässt ihn im Haus nächtigen. Als am nächsten Morgen auch dessen Gattin (Michelle Pfeiffer) anklopft und gleich miteinzieht, ist nur der Herr des Hauses glücklich über die neuen Mitbewohner. Als überraschend auch noch die beiden Söhne (Domhnall und Brian Gleeson) des fremden Ehepaars aufkreuzen, kommt es zum Streit und ein tragischer Vorfall ereignet sich.

Mother! von Requiem for a Dream-Regisseur Darren Aronofsky ist ein verstörender Schocker, der kaum Pausen zum Verschnaufen lässt und sich in seinem esoterisch angehauchten Plot derart verstrickt, dass der Zuschauer, ohne Zeit zum Nachdenken, mit haufenweise WTF-Momenten konfrontiert wird. Für viele mag das zuviel sein. Wer aber gerne zwischen den Zeilen liest und sich auch nach dem Schauen noch stundenlang über einen Film unterhalten kann, trifft mit Mother! ins Schwarze, denn Aronofskys Love/Hate-Film ist ein metaphorisches Monstrum, das die moderne Gesellschaft heftig an den Pranger stellt.

Schon lange nicht mehr hat ein Film im Vorfeld für derart viele Fragezeichen gesorgt wie Mother!, das neue Werk von Darren Aronofsky: abstrakte Poster, ein mysteriöser Schriftzug, eine biblisch dargestellte Jennifer Lawrence und ein Trailer, der mit viel Geschrei und Tumult eine Tour de Force für die Hunger Games-Darstellerin vermuten liess. Das Ausrufezeichen am Ende des Titels mag zwar von anderen Filmen mit gleichen Namen ablenken. Doch Mother! ist anders, und mit dieser Markierung macht bereits der Titel deutlich, das hier nichts so ist, wie es scheint. Was zur Hölle habe ich mir hier angesehen? Leser, die sich jetzt eine Antwort darauf erhoffen, sollten schon aus Prinzip einen Bogen um dieses Biest von einem Film machen, denn auch nach dem Schauen bleibt dieser Eindruck (vorerst) bestehen.

Gedreht wurde ausschliesslich in einem unheimlichen alten Haus, fernab jeglicher Modernität. So wirkt das Ambiente anfänglich auch wie in einem typischen Geisterschloss-Horrorfilm. Ein Rundgang durch das Anwesen wird durch das fantastische Sounddesign und den von Jóhann Jóhannsson (Arrival) wunderbar produzierten Soundtrack, mit dem das Haus auf eine surreale Art und Weise zum Eigenleben erweckt wird, zum ungemütlichen Trip, in dem kein Schritt vorhersehbar ist.

Mittendrin ist Jennifer Lawrence. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, und die Ereignisse werden ausschliesslich aus ihrer Perspektive erzählt. Sie ist die unschuldige, heilige "Mutter", die Natur, die mit grösster Hingabe nährt und liebt. Lawrences Schauspiel ist bemerkenswert: Ihre Verzweiflung, ihre Ängste, aber auch ihre Liebe und Opferbereitschaft stehen ihr ins Gesicht geschrieben, und ihre mimischen Fähigkeiten unterstreichen den metaphorischen Grundton des Films.

Javier Bardem spielt seinen vermeintlichen "Good guy" mit dem Drang, im Mittelpunkt zu stehen, souverän, wenn auch etwas weniger feinfühlig als seine Film-Ehefrau. Im übertragenem Sinne widerspiegelt er den Konsumenten, den modernen Menschen, der die Natur aussaugt und ausnutzt, ohne etwas zurückzugeben - zuerst noch mit Bedacht, doch mit fortlaufender Spielzeit immer kompromissloser und gieriger. Ed Harris und vor allem Michelle Pfeiffer, die als zwielichtige Erscheinungen nicht wortwörtlich zu nehmen sind, zeigen sich ebenfalls von ihrer besten Seite und tragen viel zur Unzugänglichkeit des Werkes bei.

Mother! ist ein konzeptionelles Experiment, verpackt als undurchsichtiger Hollywood-Psycho-Thriller, der mit Metaphern und Allegorien nur so um sich schmeisst und seine Zuschauer wie auch seine Hauptdarstellerin auf einen Fiebertraum mitnimmt, den man so schnell nicht mehr vergessen wird.

/ yan

Kommentare Total: 16

behar

WOW einfach nur WOW! Was für ein Genialer Film / Story / Cast. Ich habe schon lange kein so guten Psycho Thriller gesehen! Dieses Meisterwerk ist jetzt schon ein absoluter Klassiker seines Genres. Der Film hat einen krassen Unterhaltungswert der anderen Art. Ein Kongenialer Kontrast der Darsteller, Storyline, und Twists...(nocheinmal: WOOOOW!!) Es gehen einem ständig soviele Sachen durch den Kopf. Neben den vielen WTF Momenten, empathiert man die diversen Szenarien. Die Diversität die Mother! an den Tag/Nacht legt ist gemilde gesagt einfach nur Fantastisch. Das ist einer der wenigen Filme der zu den Werken gehört, die man einfach gesehen haben muss. Dieser Film ist jede seiner minuten absolut sehens und empfehlenswert.

Jacky71

Was soll man dazu sagen?
Ein Film den man nicht vergisst!
So waren auch die Diskussionen draussen vor dem Kino, die einen fanden ihn grottenschlecht, die anderen fanden ihn super!
Ich tendiere zu "super", obwohl es einige "verstörende" Szenen gab, bei denen ich, als einziger im kino, lachen musste. Weil es einfach zu absurd ist.

Aber eben... mich hat "mother!" unterhalten.

ebe

Eigentlich sonst noch jemand ausser mir, der sich bei diesem Film ein wenig an den Monty-Python-Sketch "The Visitors" erinnert gefühlt hat?

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