Das Mädchen vom Änziloch (2017)

Das Mädchen vom Änziloch (2017)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Sagenhaftes aus der Zentralschweiz

Üben für den Nürburgring
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In der Stächeleggflue beim Änziloch in der Zentralschweiz kursiert die alte Sage der "Jungfrau vom Änziloch". Bei Vollmond soll die von ihrem eigenen Vater verbannte junge Frau aus dem Loch heraussteigen, um sich im Mondlicht die Haare zu kämmen. Ganz in der Nähe dieses sagenumworbenen Ortes steht der Bauernhof der Familie Röösli. Die 12-jährige Laura glaubt fest an die Gespenstergeschichten, traut sich aber nicht, selbst hinabzusteigen.

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Als während der Sommerferien ein Bub aus der Stadt den Hof für den einwöchigen Landdienst besucht, fühlt sich Laura zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr ganz alleine. Mit dem etwas älteren Thom schmiedet sie Pläne, das Änziloch endlich zu erkunden. Der Junge ist ganz und gar nicht überzeugt von der Sage und hält sie für kompletten Humbug. Wer wird am Ende Recht gehabt haben, wenn es soweit ist und der Abstieg ins verwunschene Änziloch gelingt?

Das Mädchen vom Änziloch ist in erster Linie eine wunderschöne Stimmungscollage mit perfekt komponierten Bildern, welche gekonnt an der Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation umhertänzelt. Mit seinem minimalistischen Plot, düsterer Stimmung und der Hasenmetzgete ist der Film aber nicht gerade für Kinder geeignet. In ihm sind so viele Genres versteckt, dass man immer wieder auf eine definitive Entscheidung hofft, welchen Weg er denn einschlagen möge. Dadurch wirkt der Schluss dann leider auch sehr enttäuschend, da gerade in den letzten paar Minuten Potenzial für eine grosse Überraschung oder Kehrtwende vorhanden gewesen wäre.

Das Poster zum neuen Film von Alice Schmid, der Regisseurin des Überraschungserfolges Die Kinder vom Napf, schreit nach einer Mischung aus Kinderabenteuer und Heimatfilm, doch das Produkt ist weitaus spannender. Die minimal gehaltene Geschichte ist nur Mittel zum Zweck, die Schweiz von ihrer mysteriösen, sagenumwobenen Seite zu zeigen und ein Potpourri von Lokalkolorit, Coming of Age und Folklore auf die Leinwand zu zaubern. Die präzis ausgewählten Bildausschnitte und das detaillierte Sounddesign sorgen für eine unvergleichliche Stimmung im Kinosaal.

Verblüffenderweise enthält Laura Rööslis Abenteuer in der nicht so zentralen Zentralschweiz sogar einige Horrorelemnte. Gerade The Witch dürfte Genrefreunden in Erinnerung gerufen werden. Auch hier stehen das Leben auf einem Hof, das Erwachsenwerden unter besonderen Umständen wie auch eine unheimliche Sage im Mittelpunkt. Das ist naturalistisch unaufgeregt, aber stimmungsvoll in Szene gesetzt. Die Nebelschwaden, die unheimlichen Geräusche von Wind und knackenden Bäümen und die Erzählungen der Bewohner des Gebietes könnten allesamt aus einem postmodernen, "Slow burn"-Horrorfilm dieses Jahrzehnts stammen, und es gibt sogar einige verstörende Bilder zu sehen. Mit nur einer gewissen Wendung in den letzten Minuten könnte Das Mädchen vom Änziloch ohne Problem dem Horrorgenre zugeordnet werden.

Alice Schmid möchte aber das Geheimnis um die Jungfrau vom Änziloch nicht lüften, sondern bringt zum Schluss eine postive Botschaft um Akzeptanz und Zugehörigkeitsgefühl. Dies ist ein etwas abruptes Ende und wiederholt eigentlich nur das, was uns die Hauptfigur schon im Laufe der Handlung gezeigt hat. Laura Röösli, die 12-jährige Hauptfigur, ist bewundernswert in ihrer Arbeitsmoral, und ihre traurige Einsamkeit berührt. Der coole Thom aus der Stadt sieht in ihr aber etwas Fremdes und gehört irgendwie nicht in diese Welt.

Diese menschlichen Elemente kommen bei all der Atmosphäre vielleicht manchmal etwas zu kurz, und die ganz klar geskripteten Szenen zwischen den beiden sind sehr deutlich als solche zu erkennen. So ist der Wechsel von Doumentation zu Fiktion manchmal zu offensichtlich. Insgesamt ist Das Mädchen vom Änziloch aber ein faszinierendes Werk.

/ ma

Trailer Schweizerdeutsch, 02:09