Lucky (2017/I)

Lucky (2017/I)

  1. 88 Minuten

Filmkritik: Glückseligkeit zum Lebensabend

Locarno 2017
Lucky - Von nah...
Lucky - Von nah...

Der 90-jährige Lucky (Harry Dean Stanton) verbringt glücklich und zufrieden seinen Lebensabend im Südwesten der USA. Seine morgentliche Routine beinhaltet ein paar Yoga-Übungen, ein Glas Milch zu trinken und den Scheitel akurat zu richten. Auch der Rest seines Tages ist immer gleich: Milchkaffee bei den freundlichen Geistern im Diner, ein paar Spaziergänge und der abendliche Besuch einer Bar mit einer Bloody Mary vor der Nase. Doch eines Tages kippt er zuhause um und bleibt ohnmächtig liegen.

... und fern.
... und fern.

Beim Arztbesuch attestiert Dr. Kneedler (Ed Begley Jr.) dem Senior beste Gesundheit. Sogar die Glimmstengel solle er beibehalen - das Unterbrechen des Kettenrauchens würde Luckys Körper nur verunsichern. Mit dieser Diagnose versucht Lucky weiterzuleben. Doch die Gameshow und Besuche bei der Mexikanerin im Supermarkt, mit denen er die Zeit totschlägt, sind nicht mehr dieselben. Angst vor dem Sterben macht sich bei Lucky breit, und damit muss er sich zuerst einmal abfinden.

Lucky ist ein ein feiner, leicht philosophischer Film über das Altern, dank einem Setting in einer Wüstenstadt in Arizona mit Anleihen beim Western. Gedreht worden ist er von einem ewigen Nebendarsteller Hollywoods, der als Regisseur debütiert und eine ganze Reihe weiterer Darsteller seiner Gewichtsklasse um sich schart, um den Hauptdarsteller brillieren zu lassen: Harry Dean Stanton, für den das Werk gleichzeitig als Hommage und letzte grosse Glanzrolle funktioniert.

John Carrol Lynch ist einer dieser Nebendarsteller, die man dutzendfach gesehen hat und deren Namen trotzdem nicht im Gedächtnis bleiben. Er tauchte in mehreren Folgen von The Americans und American Horror Story auf und hatte kleine, aber feine Rollen in Zodiac, Shutter Island und zuletzt The Founder. Lucky ist sein Debüt als Regisseur, und er gruppiert darin ähnliche "Bitplayer" aus Hollywood vor der Kamera: Von Beth Grant über Barry Shabaka Henley bis zu Ron Livingston. Das sind keine geläufige Namen, aber alle mit immensem Wiedererkennswert beim Betrachten der Resultate einer Bilder-Google-Suche - und vor allem erfahren genug, um einerseits Qualität zu liefern und den Hauptdarsteller des Films glänzen zu lassen.

Bereits im Vorspann ("Harry Dean Stanton is LUCKY") lässt Lynch keine Zweifel, um wen es hier gehen soll. Auch Stanton ist Kult in Hollywoodfilmen. Als erstes Opfer des ausgewachsenen Xenomorph in Alien oder als Papa von Molly Ringwald in Pretty in Pink - der Mann hat seinen Karriereweg begangen und bekommt in Lucky seine letzte grosse Rolle. Sein Lucky ist ein liebenswürdiger Kauz, dem man gerne folgt. Und auf den auch alle anderen in seinem Kaff aufpassen; ein Kriegsveteran mit Vergangenheit auf den Philippinen im Zweiten Weltkrieg und wenig Ansprüchen für ein zufriedenes Dasein, der sich wohl oder übel mit dem Tod auseinanderzusetzen hat und dies auf nicht unphilosophische Art im Film tut.

Stanton war auch oft in Filmen von David Lynch zu sehen. Lynch - nicht verwandt oder verschwägert mit dem Regisseur - taucht in Lucky auch auf. Als Barhocker, der eine Schildkröte names Roosevelt vermisst, ein kleiner Running Gag des Films, der nie an Spannung verliert und einige unverschämt gute Szenen bietet. Von Luckys routiniertem Tagesablauf bis zur Verwendung eines Songs von Johnny Cash ist alles elegant gelöst von einem feinen Ensemble vor und hinter der Kamera.

/ rm

Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:00