Loving Vincent (2017)

Loving Vincent (2017)

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  3. 94 Minuten

Filmkritik: LSD-Trip im Kunstmuseum

15. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2017
Starry, starry night...
Starry, starry night... © Praesens Films

Frankreich, 1891: Der Briefträger Joseph Roulin (Chris O'Dowd) erteilt seinem Sohn Armand (Douglas Booth) den Auftrag, einen letzten Brief von seinem Bekannten Vincent Van Gogh auszuliefern, der sich im Jahr zuvor das Leben genommen hat. Armand willigt nur ungern ein, denn er selbst hielt den ausländischen Maler für einen seltsamen Kauz, hatte dieser sich doch einst sein Ohr abgeschnitten und einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbracht. Dennoch reist Armand nach Paris, um den Brief Van Goghs Bruder Theo auszuliefern - doch dieser ist ebenfalls tot; auch er hat sich das Leben genommen.

Bronn beim Feierabendbier
Bronn beim Feierabendbier © Praesens Films

Um den Brief doch noch an einen Angehörigen ausliefern zu können, reist er weiter nach Auvers-sur-Oise, wo Van Gogh verstorben ist. Dort lebt auch Doctor Gachet (Jerome Flynn), der den Maler in den letzten Monaten seines Lebens behandelt hatte und offenbar sein enger Vertrauter geworden war. Weil Gachet verreist ist, erkundigt sich Armand anderweitig über Van Gogh und erfährt so einiges: dass er wie besessen malte, sich mit jungen Männern von zweifelhaftem Ruf rumtrieb und offenbar sehr vertraut mit Marguerite (Saoirse Ronan), der Tochter von Gachet, gewesen sei. Weil sich viele Aussagen direkt widersprechen, kommen Armand zunehmend Zweifel an der offiziellen Geschichte von Van Ghoghs Tod. Wurde er etwa sogar ermordet?

Im Stile von Vincent Van Goghs unvergesslichen Kunstwerken inszenierten Dorota Kobiela und Hugh Welchman - unterstützt von 125 Kunstmalern - einen Film wie ein Gemälde. Leider verpasst es die aufwändige Produktion dabei, neben den imposanten Bildern auch eine interessante Geschichte zu erzählen. So wirkt vieles redundant, bildlich wie auch auf Handlungsebene. Was wirklich mit dem Malergenie passiert ist, mag eine spannende Geschichte sein - bei Loving Vincent scheint man sich allerdings vor lauter Freude an den Bildern erzählerisch verrannt zu haben.

Der polnisch-britische Animationsfilm wurde schon lange vor seinen ersten Filmvorführungen mit vielen Vorschusslorbeeren bekränzt, immerhin handelt es sich dabei um ein echtes Mammutprojekt. Basierend auf 120 von Van Goghs Werken und 800 seiner Briefe entwickelten 125 Kunstmalerinnen und Kunstmaler aus ganz Europa 377 Grundbilder, die als Hintergründe der Ereignisse dienen. Die Figuren im Vordergrund wurden dann mithilfe von Rotoskopie in die gemalte Landschaft eingefügt: Die Szenen wurden mit einer starbesetzten Riege aus Schauspielern gedreht; gut zu erkennen sind so etwa Chris O'Dowd, Helen McCrory, Saoirse Ronan und Jerome Flynn. Anschliessend wurden die Einzelbilder dieser Szenen per Digitalkamera fotografiert und in insgesamt 62'450 Bildern in Ölfarbe gemalt.

Schon alleine deswegen möchte man sich vor der gesamten Produktionscrew verneigen. Leider kann das eigentlich Erzählte nicht ganz so überzeugen. Dies liegt einerseits an der Story, die wiederholt zwischen den Erinnerungen an Vincent hin- und herspringt und viele Informationen gleich mehrfach wiederholt. Andererseits liegt dies auch an der speziellen Animationsform. Die gemalten Flächen und Strukturen sind stets in Bewegung, was zwar dynamisch wirkt, jedoch lässt das Ganze immer wieder Tiefe vermissen, sodass die Figuren seltsam auf die Kulissen aufgepappt wirken.

Nicht zuletzt enttäuscht das an sich alte Verfahren der Rotoskopie ein wenig, weil alles zu sehr nach Van Gogh aussieht und man sich für den Film doch ein bisschen eine eigene Bildsprache gewünscht hätte. Ebenfalls hilft es nicht, wenn eine junge Schauspielerin wie Saoirse Ronan klar auch in gemalter Form erkennbar ist, aber per Pinselstrich ein Doppelkinn und mächtig Falten bekommen hat.

Mit dem Rätsel um Van Goghs Tod hat man sich eine potenziell packende Geschichte ausgesucht, ohne dass die Spannung dann auch wirklich auf die Zuschauer überzuspringen vermag. So ist der Film vor allem eines: lang, unglaublich lang. Vielleicht hätte es mehr Sinn gemacht, einen weniger bekannten Künstler als Thema eines solchen Projektes zu wählen. Weil inzwischen aber wohl jeder Van Goghs genialen Stil kennt, kann man sich bisweilen nicht ganz des Gefühls erwehren, in eine Kunstkartenlandschaft gewandert zu sein. Ein bisschen leidet man ja schon mit dem armen, unverstandenen Vincent mit. Zu tief und zu lange in seine wunderschöne (Bilder-)Welt eintauchen möchte man dann aber doch nicht.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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