Jupiter's Moon - Jupiter holdja (2017)

Jupiter's Moon - Jupiter holdja (2017)

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  3. 129 Minuten

Filmkritik: Nicht nur Redbull verleiht Flügel

70e Festival de Cannes 2017
I believe I can fly...
I believe I can fly... © Studio / Produzent

Aryan (Zsombor Jéger) ist einer von Tausenden syrischen Flüchtlingen, die sich in Europa ein besseres Leben versprechen. Zusammen mit seinem Vater wagt er die gefährliche Überfahrt - doch in Ungarn ist Endstation: Bei der Grenzwache wird er vom Polizisten Lazlo (György Cserhalmi) niedergeschossen. Darauf geschieht Wundersames: Aryan stirbt nicht etwa an seinen schweren Schusswunden, sondern erhebt sich und fliegt scheinbar schwerelos durch die Luft.

Der neue Trend: Bungeejumping ohne Seil.
Der neue Trend: Bungeejumping ohne Seil. © Studio / Produzent

Im nahe gelegenen Flüchtlingslager sucht Aryan nun seinen Vater, trifft dort aber auf den zynischen Arzt Dr. Stern (Merak Ninidze), der schon lange den Glauben an das Gute im Menschen und im Leben verloren hat. Und noch mehr als das: Seit kürzlich wegen eines Fehlers von ihm ein Patient während einer Operation verstorben ist, hat er eine Schadenersatz-Klage der Angehörigen am Hals und muss gegen seine eigenen Schuldgefühle kämpfen. Der "fliegende Flüchtling" kommt ihm da gerade recht, kann er doch damit bare Münze machen. Die beiden tun sich zusammen zur Zweckgemeinschaft. Doch der rücksichtslose Polizist Lazlo, der von Aryans Fähigkeit Wind bekommen hat, ist den beiden auf den Fersen.

Binsenwahrheit Nummer 77 des Storytelling: Packe nicht zu viel in deine Geschichte rein! Kornél Mundruczó schert sich allerdings wenig um solche Regeln und präsentiert einen zeitweile bizarren Genremix, der von Flüchtlingsdrama über Sci-Fi-Actionthriller bis zum Charakterdrama geht. So ein Experiment kann eigentlich nur schiefgehen. Tut es allerdings nicht. Denn Jupiter's Moon ist ein zwar schräger, aber gleichermassen unterhaltsamer Thriller, der trotz seinen übernatürlichen Elementen einen unangenehm realen Hintergrund hat. Manchmal kann man halt doch nicht nur nach dem Regelbuch gehen.

Der Filmtitel bezieht sich auf den grössten der 67 Jupiter-Monde, der "Europa" benannt wurde. Und im Europa der Gegenwart spielt denn auch die Geschichte. Der Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó nutzt den derzeit hochaktuellen weltpolitischen Kontext der Flüchtlingskrise und bettet darin die Geschichte eines jungen Syriers ein auf seiner leidvollen Odysee, die ihn übers Mittelmeer bis an die ungarische Grenze führt. Diese Ausgangslage hätte man nun entweder zu einem Fluchtdrama à la Reise der Hoffnung weiterverarbeiten können oder auch zu einer Story, in der die Beziehung der Einwohner zu den Flüchtlingen im Vordergrund steht, wie es der letztjährige Berlinale-Sieger Fuocoammare tat.

Doch Mundruczó wählt stattdessen ein Szenario, das an die X-Men erinnert. Wie die Mutanten von Marvel entwickelt der Protagonist hier besondere Fähigkeiten. Er kann nicht nur fliegen, sondern offenbar mit seinem Geist auch Gegenstände bewegen, wie eine Legion-mässige Szene zeigt. Doch auch dieses Genre ist dem Regisseur nicht genug. So entwickelt sich sein Film im Verlaufe der Zeit auch weiter zu einer Schuld- und Sühnegeschichte mit einem Subplot um Dr. Sterns Fehler, der sein Leben aus der Balance gebracht hat.

Das Erstaunliche ist, dass der Film trotz dieses Chrüsimüsi an Genres funktioniert. Mit dem unschuldigen Flüchtling und dem zynischen Dr. Stern bietet die Geschichte zwei emotionale Anker. So bleibt man auch in den etwas merkwürdigeren Szenen dran. Bei den Schiessereien, Ayrans CGI-Flugabenteuern und den toll inszenierten Auto-Verfolgungsjagden fällt dies ja sowieso nicht schwer. Und wenn die beiden Protagonisten gegen Ende eine beinahe schon rührende Zuneigung zueinander entwickeln, kommen sogar etwas Gefühle auf.

Gleichzeitig schafft es der Film aber auch, nicht nur blosse Unterhaltung zu sein. Denn wie schon in seinem Vorgängerfilm White God zeichnet Mundruczó ein schäbiges Bild seines Heimatlandes, einer rücksichtslosen Gesellschaft, die wenig Wärme zeigt. Der Antagonist Lazlo steht exemplarisch dafür: ein abgebrühter Cop, der die Flüchtlinge "Idioten" nennt und sie ohne viel Federlesens über den Haufen schiesst. Dass solches Handeln wohl auch dem Wunschtraum von einigen politischen Kreisen entspricht, erinnert unangenehm daran, dass es hier eben nicht nur um fröhliche Science-Fiction geht, sondern näher an der Realität ist, als uns lieb ist. Fliegen hin oder her.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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