Junk Head (2017)

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  2. 115 Minuten

Filmkritik: Der Stoff, aus dem Albträume sind

19. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2021
Herzlich willkommen zur heutigen Sitzung der Alptraumtherapie!
Herzlich willkommen zur heutigen Sitzung der Alptraumtherapie! © Takahide Hori

Die Erde in ferner Zukunft: Da die Erdoberfläche nahezu unbewohnbar geworden ist und ein tödlicher Virus einen Grossteil der Menschheit dahinrotten liess, gibt es nur noch wenige überlebende Menschen. Durch technologische Fortschritte gelang es diesen, eine beinahe unendliche Existenz zu erreichen, dummerweise ging dabei jedoch die Fähigkeit zur Fortpflanzung verloren.

In der Unterwelt, welche aus tausenden Ebenen besteht, leben verschiedene Kreaturen und Völker. Einer der letzten verbliebenen Menschen, ein Wissenschaftler, macht sich auf die beschwerliche Reise in diese Unterwelt, in der Hoffnung, eine Lösung für das Reproduktionsproblem zu finden, leben dort doch fortpflanzungsfähige Mischwesen aus Mensch, Monster und Maschine. Es beginnt eine Odyssee durch unterschiedliche Welten voller Gefahren und Tücken: «Junk Head», wie der übriggebliebene Kopf des Wissenschaftlers liebevoll genannt wird, erhält von den Völkern stets einen selbst erbauten Körper und macht sich auf die Suche nach brauchbarem Material. Dabei gelangt er immer tiefer in dieses Erdreich und bezahlt dies mehr als einmal mit seinem Körper.

Junk Head sieht niedlich aus, ist bei genauerer Betrachtung jedoch nichts für schwache Nerven: Seltsame Figuren, ein dystopisches Weltbild und staubige Settings verursachen beim Publikum Angst und Schrecken. Die Auswüchse von Takahide Horis blühender, ausufernder Fantasie inszeniert er in einem Stop-Motion-Film, welcher ein weirdes Universum erschafft - wahrlich der Stoff, aus dem Alpträume gemacht sind!

Wenn H.R Giger (Alien), Franz Kafka, Sigmund Freud, Guillermo Del Torro (Pan's Labyrinth) und Friedrich Nietzsche sich erst gemeinsam japanische Trashfilme mit Hang zu gewissen Fetischen anschauen würden und dann gründlich darüber philosophierten, um anschliessend eine Sci-Fi-Silent-Hill-Adaption mit der Charaktervielfalt des Star-Wars-Universums (gewisse Ähnlichkeiten zu dem Volk der Sandpeople sind kaum zu leugnen) drehen würden: Es wäre vermutlich Junk Head.

Der Animationsfilm sprudelt regelrecht vor absurden Ideen, wahnhafter Fantasie und alptraumhaften Hirngespinsten über. Bereits zu Beginn wird das Publikum mittels Schrifttafeln von der Erdoberfläche in die Unterwelt befördert, und was es dort erwartet, ist in Worten kaum auszudrücken: Etliche Kreaturen und Gattungen, von liebenswürdigen, Intrigen stiftenden Wesen bis hin zu bestialisch brutalen Monstern ist alles vertreten, was man sich vorstellen kann. Maulwürfe mit Gasmasken, hungrige Riesenwürmer mit Haifisch-Gebiss, Alien-artige Stämme, achtbeinige Monster, Superhelden-Frauen mit riesigen, sekundären Geschlechtsmerkmalen und an Phallen erinnernde, auf Körper wachsende Pilze.

Der «Mensch» erlebt auf seiner Reise durch die unterschiedlichen Ebenen der Unterwelt eine wahre Odyssee. Sein Schädel fällt immer wieder in die Tiefe, wo er von anderen Kreaturen gefunden und mit einem neuen Körper versehen wird. So entsteht ein rasanter Ritt durch staubige Gänge, kahle Betonwände und riesige Marmorhallen. Immer auf der Suche oder auf der Flucht, erlebt der titelgebende Kopf die gesamte Bandbreite an Emotionen. Einmal als Gott verehrt, wird er kurze Zeit später als stumme Reinigungskraft eingesetzt.

Der Ideenreichtum für Szenerien und Kreaturen ist gigantisch, skurril und lässt das Publikum so manchen WTF-Moment erleben. Leider wird die Story im Mittelteil etwas repetitiv und langatmig, da sie zu wenig zielführend vorangetrieben wird. Neben Szenerien und Kreaturen sticht die Geräuschekulisse heraus. Die im Film vorkommenden Geräusche ertönen äusserst dumpf, beinahe, als wäre direkt neben einem eine Betondiele eingestürzt. Dazu gesellen sich fantastisch-skurrile Fantasie-Sprachen, welche die Völker unter der Erde sprechen.

Den Stop-Motion-Film, den Takahide Hori beinahe komplett in Eigenregie selbst drehte, wurde 2017 erstmals als 30-minütiger Kurzfilm veröffentlicht, ehe sich Hori an eine Langfassung machte. So dauerte die Fertigstellung insgesamt ganze sieben Jahre, in denen Hori das Drehbuch verfasste, in Kleinstarbeit gruselige Figuren anfertigte, detailverliebte Kulissen baute, filmte, schnitt, Sound und Geräusche produzierte: Was für eine bravouröse Leistung!

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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