Jugend ohne Gott (2017)

Jugend ohne Gott (2017)

Filmkritik: Briefgeheimnis bitte bewahren

Wo sind meine Zigis?!?
Wo sind meine Zigis?!? © Pathé Films

In einer nicht allzu entfernten Zukunft zählen einzig Stärke und Erfolg. Während die Reichen unter sich wohnen und im Luxus leben, hausen die Armen abgegrenzt in ihren eigenen überfüllten Sektoren. Wer sich unerlaubt in einem anderen Sektor aufhält, gilt als Asozialer und Krimineller und wird verfolgt, denn die Illegalen sollen angeblich Krankheiten verbreiten. Um zu den Besten zu gehören, wird die junge Generation bis aufs Äusserste getrimmt. Nur die Klügsten, Fittesten, Ehrgeizigsten bekommen einen Platz an einer der exklusiven Rowald-Unis, was Ansehen und finanzielle Sicherheit verspricht. Dafür reist eine Schulklasse in den Wald, wo ihre Performance genau geprüft wird.

Nein, du hast nichts zwischen den Zähnen.
Nein, du hast nichts zwischen den Zähnen. © Pathé Films

Offiziell soll Teamarbeit gefördert werden, doch die Jugendlichen wissen, dass sie ganz vorne abschliessen müssen, um im Leben weiterzukommen. So gerät die übereifrige Nadesh (Alicia von Rittberg) bald mit dem rebellischen Zach (Jannis Niewöhner) aneinander, der das unfaire Klassendenken zunehmend ablehnt. Als eine Gruppe Illegaler in Campnähe auftaucht und es zu einem Mord kommt, beginnt der Lehrer (Fahri Yardim) zu ermitteln.

Nach Heidi nimmt sich der Schweizer Regisseur Alain Gsponer eines weiteren Buchklassikers an und versetzt dafür den Roman von Ödön von Horvath aus den Dreissigerjahren in eine nicht allzu entfernte Zukunft. Obwohl die dystopische Gesellschaft bis zum Schluss oberflächlich bleibt, geht das Zukunftsszenario über ein blosses Aufspringen auf den Dystopietrend hinaus: Mit dem Fokus auf Zwänge und Leistungsdruck schafft es die sehr freie Romanverfilmung erstaunlich gut, die gesellschaftliche Kälte der Nazizeit einzufangen. Freilich funktioniert die spannende, optisch überzeugende Inszenierung auch ganz einfach als gefälliges Krimiszenario.

Man mag ab der Idee ein wenig die Nase rümpfen, dass ausgerechnet der österreichische Dramatiker und Romanautor Ödön von Horvath herhalten muss, um eine weitere düstere Zukunftsvision auf die Leinwand zu bannen. Aber halt, so einfach ist es dann doch nicht. Jugend ohne Gott mag einen seltsamen Titel haben - den man wohl besser geändert hätte, denn Gott oder Religion sind im Film tatsächlich völlig abwesend; um einen Trittbrettfahrer handelt es sich aber keineswegs.

Nun gut, als Dystopie bleibt das Ganze etwas unbefriedigend. Zu rudimentär bleibt das Worldbuilding, zu simpel scheint alles gestrickt. Die Reichen leben in Luxus und scheren sich einen Deut um ihre Mitmenschen, während die Armen in überfüllten Sektoren hausen, ohne Hoffnungen oder Aufstiegsmöglichkeiten. Da schwingt schon eine Menge Anti-Utopie-Kitsch mit - aber es soll ja auch keine realistische Zukunft entworfen werden. Vielmehr wird - klassisch Science Fiction - ein Was-wäre-wenn-Szenario eröffnet. Wie entwickelt sich das Individuum in einer repressiven, nur auf Leistung orientierten Gesellschaft? Und wie kann sich der noch nicht ganz verrohte Mensch in diesem Umfeld positionieren? Das ist keineswegs neu, wirkt aber durchaus effektiv, werden doch Fragen zu Gerechtigkeit, Schuld und Ehrgeiz aufgeworfen, die so zeitlos sind, dass trotz völlig neuem Setting der Bogen schnell wieder zurück zur Romanvorlage gespannt ist.

Erzählerisch bedient sich der Film einer cleveren Struktur, denn die Ereignisse um den Mordfall im Zentrum der Geschichte werden gleich dreimal erzählt: einmal aus der Perspektive des späteren Opfers, einmal aus Sicht des (vermeintlichen?) Täters, und einmal aus Sicht des Lehrers. Ohne dabei redundant zu werden, werden so nach und nach Lücken in der Ereigniskette aufgefüllt, was Figuren wie auch Tathergang immer wieder in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt. Mit den jungen, interessant aufspielenden Darstellern und der optisch zwar minimalistischen, aber effektvollen Inszenierung ist Jugend ohne Gott deshalb weniger das vermutete Möchtegern-Hunger Games, sondern ein immer wieder spannendes und erstaunlich aktuelles Plädoyer für die Menschlichkeit.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Kommentare Total: 2

db

Naja, gleiche story aus vier Blickwinkeln zu erzählen und dann in der letzten halben stunde noch eine recht einfache Auflösung zu bieten... Als Film ist die Kiste eine halbe Stunde zu lang, bleibt zu oberflächlich und wirkt vor allem im test-camp äusserst unbeholfen.

pps

Filmkritik: Briefgeheimnis bitte bewahren

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Trailer Deutsch, 01:46