Le jeune Karl Marx (2017)

Le jeune Karl Marx (2017)

Der junge Karl Marx
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  3. 118 Minuten

Filmkritik: Die Entstehung des Kommunismus

67. Internationale Filmfestspiele Berlin 2017
Ein unschlagbares Trio
Ein unschlagbares Trio © filmcoopi

Wir schreiben Jahr 1844. Karl Marx (August Diehl) ist 26 Jahre alt und lebt am Existenzminimum im Pariser Exil. Zusammen mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) und einem Berg an Schulden versucht er alles, um an Geld zu kommen. Dem Herausgeber seiner politisch-ökonomischen Artikel liefert er diese stets zu spät ab und gilt als unzuverlässig. In der Redaktion eines Verlegers lernt er den Fabrikbesitzer-Sohn Friedrich Engels (Stefan Konarske) kennen, dessen Vater in Manchester mehrere Webstofffabriken mit Hunderten Angestellten besitzt. Aus einem anfänglichen Misstrauen einander gegenüber entsteht bald eine tiefe Freundschaft und eine politische Verbundenheit.

Ideologen unter sich
Ideologen unter sich © filmcoopi

Ihre Ideologien gleichen sich: Engels beobachtet in den eigenen Produktionshallen die Ausbeutung der Arbeiterklasse, beginnt sich von seiner bourgeoisen Klasse zu lösen und verfasst Schriften, welche denjenigen Karl Marx' sehr ähnlich sind. Gemeinsam setzten sie es sich zum Ziel, der Arbeiterbewegung eine Stimme zu geben, die Unterdrückten zu vereinen und der anstehenden Revolution einen theoretischen Überbau zu geben.

Ohne grosse Längen wird spannend eine komplexe Thematik aufgearbeitet: Karl Marx und Friedrich Engels begründen den Kommunismus. Ausgehend von ihren ähnlichen Ansichten und einem ausgewogenen Drang nach Gerechtigkeit, stürzen sie mit ihrem kommunistischen Manifest festgefahrene Klassenstrukturen und revolutionieren die Ansichten der Arbeitergesellschaft. Le jeune Karl Marx beschränkt sich dabei auf die frühen Jahre. Mit aufrüttelnden Bildern stellt der Film ein Zeitdokument dar, welches zu gefallen weiss.

In Le jeune Karl Marx werden die Zuschauer Zeugen von Zeitgeschichte. Raoul Peck (I am not your Negro) präsentiert ein historisch essenzielles Dokument. Sein Film zeigt - wie der Titel es vermuten lässt - die frühen Lebensjahre von Karl Marx - ebenso aber diejenigen von seiner Frau Jenny, welche für seine Entwicklung nicht unwesentlich war, und diejenigen von Friedrich Engels. Sich mit dem Titel also nur auf Marx zu beziehen, ist etwas gar einfach.

Die abgehandelten Jahre werden dafür umso ausführlicher belichtet. Beinahe kein Treffen von Marx und Engels oder des Bundes der Gerechten wird ausgelassen. Dies dient der Verständlichkeit einer komplexen Thematik. Jedoch bleibt beim tiefschürfenden Thema Bourgeoisie versus Proletariat immer Stoff übrig, der nicht ganz erschlossen wird. Es sei denn, man zieht zum Verständnis Fachlektüre bei.

Ein positiver Aspekt des Filmes ist, dass sich der Regisseur und die Drehbuchautoren nur auf die frühen Jahre und somit den ursprünglichen Entstehungsgedanken des Kommunismus beschränkt. Marx zwischen Deutschland, Paris und Brüssel sozusagen. Denn schon so wird genügend Inhalt transportiert. Wären die späteren Jahre noch dazugekommen, hätte man das Werk auf mehrere Stunden ausdehnen müssen, um Marx gerecht zu werden.

Es sind starke Bilder, die wir zu sehen bekommen, begonnen mit einer These über Eigentum, untermalt von einer Szene im Wald, wo Bauern von Landherren gezüchtigt werden. Gleiches gilt für das Ende, wenn wir Nahaufnahmen von Arbeitergruppierungen mit schmutzigen Gesichtern und zerrissener Kleidung zu sehen bekommen. Dazwischen findet die biografisch chronologisch erzählte Handlung statt, welche bis zum Schluss hin spannend ist. Es bedarf dabei aber schon einiger Vorkenntnisse, um der Handlung gänzlich folgen zu können.

Starke Leistungen zeigen sowohl August Diehl als Karl Marx als auch Stefan Konarske als Friedrich Engels und Vicky Krieps als Jenny von Westphalen. Sie schaffen es, Emotion und Biss in ein Stück Geschichte zu bringen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Deutsch, 01:50