An Inconvenient Sequel: Truth to Power (2017)

An Inconvenient Sequel: Truth to Power (2017)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Klimawandel reloaded

70e Festival de Cannes 2017
Da braucht's ja eigentlich keine Legende mehr.
Da braucht's ja eigentlich keine Legende mehr.

Zehn Jahre ist es her, seit der Dokumentarfilm An Inconvenient Truth die Gefahren des Klimawandels thematisierte. Der Film gewann 2007 den Oscar für den besten Dokumentarfilm, der Protagonist, Ex-US-Vizepräsident Al Gore, erhielt im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis für sein Engagement. Dennoch hat sich in der vergangenen Dekade die globale Herausforderung verschärft: Das Eis in der Arktis schmilzt weiter, und durch den Temperaturanstieg verursachte Naturkatastrophen haben auf der ganzen Welt für viel Leid gesorgt.

"I'm still here!"
"I'm still here!"

Al Gore hat in dieser Zeit seine Herzensmission unermüdlich weitergeführt: Mit seinen Vorträgen tourt er um die Welt und rekrutiert Menschen aus allen Herren Länder, um seine Botschaft weiterzuverbreiten: Es muss jetzt etwas getan werden, um die CO2-Emissionen von Kohle, Öl und Gas zu reduzieren. Dies ist die Menschheit den kommenden Generationen schuldig. Al Gores Weg ist geprägt von vielen frustrierenden Rückschlägen, aber auch von Erfolgserlebnissen, die in ihm die Hoffnung aufrechterhalten, dass es noch nicht zu spät ist, den Turnaround zu schaffen.

Eine rund 100-minütigte Predigt über Klimawandel - muss man sich das wirklich ein zweites Mal antun? Leider wohl ja. An Inconvenient Sequel: Truth to Power erzählt zwar nichts fundamental Neues als der Vorgänger, doch hält er den Finger auf eine der wohl fundamentalsten Herausforderungen der Menschheit. Dafür sollte man sich dann auch alle 10 Jahre Zeit nehmen, diese 100 Minuten zu investieren.

Dass Dokumentarfilme ein Sequel erhalten, ist eher unüblich. Doch im Fall von An Inconvenient Sequel: Truth to Power ergibt das durchaus Sinn. Denn schliesslich hat der Film eine Mission - und diese Mission hat nichts an ihrer Dringlichkeit eingebüsst, im Gegenteil. So begleitet "zehn Jahre danach" erneut ein Kamerateam den Ex-US-Vizepräsidenten Al Gore bei seiner Welttournee im Namen des Klimaschutzes. Seine Aufgabe hat dem sichtlich gealterten Gore offensichtlich so manches graues Haar bereitet, wie er es in seinem Vortrag auch selbstironisch festhält.

Natürlich vereinfacht Gore in seinen Speeches hie und da die Zusammenhänge. Wenn er die Solarenergie beispielsweise etwas gar undifferenziert zum ultimativen Heilsbringer hervorhebt, wären kritische Anmerkungen durchaus angebracht. Und dennoch: Solche Vereinfachungen, Zuspitzungen und Emotionalisierungen sind insofern legitim, als es gilt, die Botschaft ans Publikum zu bringen. Auch wenn leider das Publikum bei diesem Film wohl vor allem aus denjenigen besteht, die trotzdem schon auf Gores Seite sind. Kollege Michael Moore kennt das Problem.

Der Film von Bonni Cohen und Jon Shenk macht jedenfalls nichts Wesentliches anders als der Vorgänger: Er begleitet Gore bei seinen Reden, interviewt ihn abseits davon und fasst alles in einen weltpolitischen Kontext. Manchmal erscheint das etwas "random". Die Terroranschläge von Paris haben beispielsweise wenig mit Klimapolitik zu tun, ausser dass sie - wohl eher zufällig - im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz stattgefunden haben, wo Gore sich ebenfalls aufhielt. So verständlich und nachvollziehbar seine schockierte Reaktion auch ist - es lenkt doch ein wenig von der Kernbotschaft ab.

Spannend ist hingegen, Gores zähe Verhandlungen mit der indischen Regierung zu beobachten, die nicht ganz zu Unrecht die gleichen Rechte für sich beansprucht, die sich die weiter entwickelten Industrienationen während 150 Jahren einfach genommen und damit einen Grundstein zum heutigen Wohlstand gelegt haben. Eindrücklich zeigt der Dokumentarfilm, wie es unter Gores Federführung gelingt, einen Deal zwischen der amerikanischen Solarindustrie und dem indischen Staat herbeizuführen und so einen grossen Durchbruch in der Klimakonferenz zu erreichen.

Das könnte beinahe schon als versöhnliches Happy End ausgelegt werden. Doch genau wie bei den üblichen Blockbustern, die am Ende des Filmes bereits das nächste Sequel vorspuren, hat auch hier ein neuer Bösewicht seinen Auftritt: ein frisch gewählter US-Präsident, der neben einigen anderen fragwürdigen Ansichten auch den Klimawandel für Mumpitz hält. Hier wird deutlich: Der Kampf gegen den Klimawandel ist noch nicht gewonnen. Und ein dritter Teil durchaus nicht unwahrscheinlich.

/ ebe